Juli-August 1991: Polen, Litauen, Leningrad & Moskau

Eastern approaches

Anreise in Agatas Auto nach Polen; Masurische Seenplatte

Ich reiste mit meiner polnischen Kommilitonin Agata in ihrem Auto zum ersten Mal in Richtung Sowjetunion, damals noch. Einen Zwischenstopp machten wir in Agatas ehemaliger Heimat und besuchten Freunde von ihr, die auf einem Dorf oder Bauernhof in der Masurischen Seenplatte lebten. Er war Physiker, seine Frau eine sehr gute Freundin von Agata. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass dieses Paar nicht nur intellektuell sehr anspruchsvoll war, sondern auch eigenen Wodka brannte, ein Zeug, das hochprozentiger war als Strohrum und so schmeckte, wie Nagellackentferner riecht. Eigentlich war aber alles ganz zivilisiert und freundlich. Sie waren sehr gute Gastgeber, wir aßen zu Abend, und am nächsten Morgen wollten wir sehr früh mit dem Boot hinausfahren und fischen, beziehungsweise ich wollte das Fischen begleiten. Der Ehemann war leidenschaftlicher Fischer, und dann holte er eben diesen Wodka hervor. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob das nicht Absicht war. Ich muss dazu sagen, dass ich vorher scharfe Sachen kaum gewöhnt war. Gelegentlich hatte ich kleine Mengen Single-Malt-Whisky getrunken, andere scharfe Sachen gar nicht, Bier überhaupt nicht, Wein kaum. Ich war also nicht besonders alkoholerfahren. Entsprechend nahm der Abend dann seinen Lauf. Nach den ersten paar Gläsern fand ich seine Frau plötzlich unglaublich attraktiv, was sich nach den nächsten paar Gläsern sehr schnell wieder legte, weil ich dann gar nicht mehr richtig zurechnungsfähig war. Ich weiß noch, dass ich die ganze Nacht die Bude vollkotzte, und dass er – es war ja auch seine Schuld – alles stoisch wegräumte. Tatsächlich machten wir dann am nächsten Morgen um fünf gemeinsam die Bootstour. Von dort ging es mit dem Zug weiter.

Vilnius

Der nächste Stopp war Vilnius. Auch dort hatte Agata Freunde. In Erinnerung geblieben ist mir eigentlich nur eine Szene, in der, glaube ich, ein Bekannter von Agatas Freunden, als wir auf der Straße bei einem Straßenhändler ein Getränk kauften, den Becher nicht zurückgab, sondern zerstörte, weil sie meinte, dass diese Typen die Einwegbecher sonst wiederverwenden würden. Der Händler war russischsprachig. Ich fand das etwas merkwürdig, weil sie es praktisch mit seiner Ethnizität erklärte.

Leningrad Anreise mit der Bahn; Sasha Cherepenin im Zug kennengelernt

Meine erste Reise nach Leningrad mit dem Zug war schicksalhaft. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob Agata damals noch mit mir unterwegs war. Ich weiß aber noch, dass sie mir beigebracht hat, wie man in der postsowjetischen, beziehungsweise damals noch sowjetischen Welt reiste. Üblich war es, dass man, wenn man mit dem Zug in einer Stadt ankam, sei es in Vilnius oder in Leningrad, schon am Bahnhof von meist älteren Mütterchen in Empfang genommen wurde, die Zimmer anboten, oft in sogenannten Kommunalkas, und dort konnte man dann für ein paar Tage allein oder mit anderen ein Zimmer mieten.

So habe ich das auch gemacht, in Vilnius noch mit Agata. Ich meine, dass ich nach Leningrad dann allein weitergereist bin und Agata später nachkam. Wie dem auch sei: Auf dieser Zugreise habe ich Sascha Cherepenin kennengelernt, er am Fenster rauchend, aus Israel zurückkommend. Daraus entstand eine langjährige Freundschaft, die durch seine psychischen Erkrankungen, die über die Jahre immer deutlicher wurden, auch kompliziert und schwierig war; später wurde bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Er und auch seine Über-Mutter Bella Mikhailovna wurden zu Schlüsselfiguren meines anfänglichen Setups und meiner ersten Integration in Freundeskreise und Kontaktgruppen in Leningrad, später St. Petersburg.

Als Agata nachgekommen war, gingen wir in ein etwas besseres Restaurant am Newski Prospekt, jedenfalls nach sowjetischen Standards. Eigentlich hätte man dort einen Tisch reservieren müssen. Es war ein Lokal, das eher Ausländern oder gut situierten Sowjetbürgern mit sogenanntem Blat, also informellen Zugängen, vorbehalten war. Das wussten wir aber nicht. Wir gingen einfach hinein. Das Restaurant war leer, und ich wollte mich, naiv wie ich war, setzen. Man wies uns darauf hin, dass eigentlich nur mit Reservierung bedient werde. Als sich dann aber durch mein holpriges Russisch sofort herausstellte, dass wir Ausländer waren, hieß es, man könne doch noch einen Tisch für uns organisieren.

Wir aßen dann eher mäßig, und ich, der eingeladen hatte, wollte zum Nachtisch noch Eis bestellen. Agata sagte mir in diesem Zusammenhang, dass sie ihre Tage bekommen hatte und es schwierig sei, Tampons oder Binden zu bekommen. Es sei ihr unangenehm, selbst zu fragen, wo es vielleicht eine Apotheke gebe, in der man so etwas kaufen könne. Also fragte ich den Ober in meinem gebrochenen Russisch, wir hätten hier ein kleines Frauenproblem, und ob man in der Nähe des Newski oder auf dem Newski irgendwo Sanitärutensilien kaufen könne.

Er sah mich daraufhin mit einem eigentümlichen Partner-in-Crime-Blick an und meinte, ja, er könne da etwas machen. Ich wunderte mich, dass es so lange dauerte. Nach zwanzig oder dreißig Minuten kam er dann mit einem unter einer großen Serviette versteckten Paket zurück. Es war riesig, und ich dachte erst, so viel Eis hätten wir doch gar nicht bestellt. Er schmunzelte mir zu und stellte das verdeckte Paket vor mich hin, ohne die Serviette abzunehmen. Als ich sie anhob, sah ich, dass darunter chinesische Kondome lagen, ein Riesenpaket von zweihundert oder fünfhundert Stück, weil er das Frauenproblem offensichtlich in dieser Richtung verstanden hatte. Geholfen hat uns das nicht. Irgendwo fanden wir dann aber doch noch Binden, die damals wirklich schwer zu bekommen und Defizitartikel waren.

Reise nach Moskau, Ankunft am ersten Tag des Putsches gegen Gorbachev

Ich reiste mit Sascha Tscherepenin im Rahmen dieses ersten Aufenthalts in der Sowjetunion nach Moskau. Wir kamen irgendwo am Rande der Stadt unter. Ich hatte damals, wie es nötig war, um ein Auslandstelefonat zu führen, im Haupttelegrafenamt ein Gespräch angemeldet, um mit meinen Eltern in Deutschland zu telefonieren und sie auf den neuesten Stand zu bringen.

Wir fuhren also morgens nach Moskau hinein und wurden vom Taxifahrer darauf hingewiesen, dass es im Zentrum Unruhen gegeben habe und nicht ganz klar sei, was los sei, jedenfalls sei dort Militär auf den Straßen. Es stellte sich dann heraus, dass es der erste Tag des Putsches gegen Gorbatschow war und tatsächlich Roter Platz und Kreml mit Bussen, Panzern, Panzerspähwagen und Soldaten abgesperrt waren. Ich habe das auch fotografiert, was relativ unproblematisch war.

Wenn ich mich richtig erinnere, war ich der Letzte, der noch ins Haupttelegrafenamt hineingelassen wurde. Auch dort war der Eingang schon von Soldaten bewacht. Sie ließen mich aber noch durch, weil ich dieses Gespräch bestellt hatte, und ich konnte dann mit meinen Eltern telefonieren und sie etwas beruhigen.

An diesem Tag gingen wir mit Sascha durch die Straßen und hatten noch ein Paket von Freunden Bella Mikhailovnas dabei. Es war damals üblich, dass man kaum die Post benutzte, sondern ständig, wenn Leute von einer Stadt in die andere reisten, Pakete oder Geschenke mitgab. Wir hatten ein Paket für eine Professorenfamilie dabei, die ganz in der Nähe des Roten Platzes in einer riesigen Altbauwohnung lebte, und klopften dort an.

Das war eine ziemlich ergreifende Szene. Hinten waren zwei Söhne der Familie, die weinten und schluchzten angesichts dieser politischen Umwälzung, weil sie davon ausgingen, dass sich nun ein reaktionärer Putsch durchsetzen würde. So lernten wir Jurij Bensjanowitsch und seine Frau Vera, glaube ich, Verbitskaya kennen. Wir wurden hereingebeten, und daraus entspann sich eine mehrjährige Freundschaft. Ich habe die beiden später noch öfter wiedergesehen. Es war jedenfalls eine eindrucksvolle und spannende Situation, Moskau während des Putsches zu erleben.

Wrapping up in Köln und Berlin (September)

Den Rest des herrlichen Späthsommers verbrachte ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland mit Alexandra in Berlin und Köln. Jeff tauchte noch einmal auf und nahm meine Abreise – er selbst ja ein immer pleite luxusobdachloser Model-Nomade – lässig. Die Fee ließ sich die Unruhe und Unsicherheit, die ich für unsere Beziehung schuf, nicht anmerken, oder ich merkte in meiner Selbstverkrümmung davon nichts. Es gab keine Vereinbarungen oder Versprechungen zwischen uns; es gab aber ein grundsätzliches Vertrauen und wohl wirklich eine große jugendliche Liebe zwischen uns, etwas, was ich in dieser unaufgeregten und ungemachten Form weder vorher noch später erlebt habe.

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