{"id":986,"date":"2018-03-01T12:38:49","date_gmt":"2018-03-01T11:38:49","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=986"},"modified":"2019-03-16T14:15:42","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:42","slug":"petersburg-08-06-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-08-06-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 08.06.1992: Sasha &#038; Zweifel am Beziehungsverst\u00e4ndnis des &#8220;Neuen Manns&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Old Sascha nach tausend Jahren mal wieder gesehen. Er war die letzten Wochen in Moskau, um sich taufen zu lassen (seltsam, da\u00df er nicht ertrunken ist).<\/p>\n<p>Da er aber auch einen kleinen Business mit dem verkaufen von nur in Moskau erh\u00e4ltlichen Finanzzeitungen begonnen hat, fand er sich ohne einen Rubel in den Taschen von zwei kr\u00e4ftigen icklut\u00adschonnim im l\u00e4rmenden Waggonzwischenraum auf Geld zum Kauf von Wodka angehauen. Da er ihnen nichts geben konnte, gab ihm der eine &#8216;nen provisorischen Kinnhaken und nahm dem armen Sascha seine teure Westuhr ab. Bogie nahms leicht, die Profies auch, und so unterhielten sie sich dann noch eine Weile angenehm bei br\u00fcderlich geteiltem Wodka.<\/p>\n<p>Sascha stellte dies sichtlich unger\u00fchrt als v\u00f6llig normale Zug\u00adbegebenheit dar (&#8220;sie nehmen niemals mehr, als sie brauchen&#8221;). Sein Pech war es halt nur, da\u00df er kein befriedendes Geld, tschtob igti na trjoch, hatte.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erz\u00e4hlte er folgende Anekdote zum Thema Inflation: Vor nicht allzu langer Zeit sa\u00df er mit Wilenskij in einem Caf\u00e8, trank dort Kaffe und a\u00df N\u00fcsse. W\u00e4hrend ihres Gespr\u00e4ches regi\u00adstrierte Sascha am Rande, wie der Genosse Wirt ein offensicht\u00adlich nicht besonders angenehmes Telephonat f\u00fchrte. Der Wirt kam dann auch, mit erwas betretenem Gesicht (er kannte Sascha und Wilinskij recht gut) an ihren Tisch und sagte, da\u00df die Preise der (verzehr\u00adten!) Speisen sich grade verdoppelt h\u00e4tten. (&#8220;Hier Smolni &#8211; Preise verdop\u00adpeln &#8211; Ende&#8221;).<\/p>\n<p>Tatjana erz\u00e4lte mir, wie sie vor ein paar Monaten den Versuch unternahm, Glasnost auch in ihren Pass Einzug halten zu lassen: Sie lie\u00df neue Pa\u00dfbilder machen und nahm es sich dabei heraus, freundlich zu L\u00e4cheln. Der Photograph gebot daraufhin wenig beeindruckt: &#8220;sakrite rod.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M\u00f6chte jemand hier wissen, was das ist, die Deutsche Seele, so empf\u00f6hle ich ihm in folgender Reihenfolge vorzugehen: 1. Lanza-Romane aus den 30&#8217;ger Jahren lesen (deckt 83% der Deutschen Seele ab), 2. Das Nibelungenlied lesen und etwas Wagner dazu h\u00f6ren &#8211; aber nicht zu viel! (weitere 13%), 3. Faust lesen (er\u00adsten Teil, 3%). Das verbleibende 1% geh\u00f6rt denjenigen, die sich nach Weltkultur sehnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ich das hasse: Konsequenzen, vor die mich Menschen stellen. Und dann diese W\u00e4nde hier im Haus: Zu schwach, um wirklich irgendwo gegentreten oder boxen zu k\u00f6nnen, seinem \u00c4rger Luft zu machen.<\/p>\n<p>Inna hat die Faxen dicke vom Neuen Mann, der sie mit seinen grausamen Be\u00adgriffen von Freiheit, Beziehung und Selbstst\u00e4ndig\u00adkeit qu\u00e4lt, ihr f\u00fcr ihre Toleranz aber nur Leidenschaften in der Lage ist ins Fleisch zu pflanzen, ansonsten nur nimmt.<\/p>\n<p>Die nahende Alexandra dr\u00e4ngt nach Entscheidung &#8211; und selbst da lasse ich sie alleine, in meiner abwartenden Bacchus-Haltung. Alles mu\u00df sie selbst machen: Lieben, Leiden, Hassen, Trennen, die Leidenschaften mit ins Bett bringen. Und ich? Stehe die ganze Zeit da, in den T\u00fcrrahmen gelehnt, mal laut, mal leise betrachtend mit freundlichem L\u00e4cheln und kr\u00e4ftigen, offenen Armen. Regungslos.<\/p>\n<p>Inna: ja bajuc tebja. U menja, konjetschno.<\/p>\n<p>Susan, auf die Frage: &#8220;How are you relating to your memory of me?&#8221;: nervous.<\/p>\n<p>Fees schmerzhafte, dunkle Erinnerungen an mich, die \u00fcberwiegen.<\/p>\n<p>Dabei will ich nichts anderes, als den Menschen so gut tun, wie sie mir sind. Und mir waren Menschen immer wieder aus freien St\u00fccken (wie denn auch sonst) \u00fcber die Ma\u00dfen gut.<\/p>\n<p>Aber letzten Endes gehen immer sie, und ich verbleibe &#8211; bei mir. Auch eine Form der Stagnation.<\/p>\n<p>Ich habe halt nur Nr. 2\u00e9n, und nach etwas Kampf um die Vorrang\u00adstellung wollen es die meisten Starken dann halt wissen. Und da ich keine Konsequen\u00adzen ziehe (weil ich es nicht kann; ich sehe keine Konsequenzen), ziehen sie.<\/p>\n<p>Ich verstehe einfach nicht, was sie wollen. Nur, da\u00df ich eben das nicht bereithalte. Sie scheinen so viel mehr zur Freund\u00adschaft zu ben\u00f6tigen, als ich. Und halten mich deshalb f\u00fcr leich\u00adter, oberfl\u00e4chlicher oder k\u00e4lter. Aber ist Tiefe dann nicht nur wieder ein Euphemismus f\u00fcr Abh\u00e4ngigkeit, Schw\u00e4che, kurz: Unf\u00e4\u00adhigkeit das Erbe Adams (nur er hat gebissen, glaube ich) anzu\u00adtreten.<\/p>\n<p>Aber was soll&#8217;s, vielleicht haben sie ja recht; wenn es denn auch nur eine Illusion ist, warum sollen wir uns denn dem Got\u00adtesurteil f\u00fcgen und uns ein Paradies, wenn auch nur auf Zeit, nicht selbst auf Erden zur\u00fcckerobern? Einsamkeit und Sterblich\u00adkeit solang es geht weglieben.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich: Wie lange kann ein solcher Zauber, im Bewu\u00dftsein der L\u00fcge begonnen, denn dauern? Und mit dem Fall der eigenen eitlen Illusion gegei\u00ad\u00dfelt zu werden, ist nicht nur schmerzhaft, sondern auch peinlich.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-08-05-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Old Sascha nach tausend Jahren mal wieder gesehen. Er war die letzten Wochen in Moskau, um sich taufen zu lassen (seltsam, da\u00df er nicht ertrunken ist). 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