{"id":924,"date":"2018-02-25T19:50:04","date_gmt":"2018-02-25T18:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=924"},"modified":"2019-03-16T14:15:41","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:41","slug":"petersburg-02-05-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-02-05-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 02.05.1992: Imperium der Sinne"},"content":{"rendered":"<p>Gestern den Film &#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Im_Reich_der_Sinne\">Imperium der Sinne<\/a>&#8221; gesehen, ein Film von eben dem Regisseur, der auch &#8220;Marry Christmas, Mr. Lorenz&#8221; gedreht hat. Er erz\u00e4hlt die leidenschaftlich k\u00f6rperliche Liebesgeschich\u00adte eines Hausherren mit einer Hausangestellten, die sich im Japan des Jahres 1930 zutrug. Diese Liason kleidet er in Bilder von h\u00f6chster \u00c4sthetik, ohne dabei die detaillierten Darstellun\u00adgen von sexuellen Handlungen zu formalisieren &#8211; alles, was passier erscheint ungezwungen und nat\u00fcrlich. Auch die letzte Szene, in der die scheinbar nur betrachtende Kamera zeigt, wie die Frau ihrem, vorher von ihr mit seinem stummen Einverst\u00e4ndnis erw\u00fcrgten Liebhaber, den noch halb erigierten Schwanz und Hoden abschnei\u00addet, kommt ohne k\u00fcnstliche Effekte aus. Und auch die Freundlichkeit, mit der die sehr unterschiedliche, aber in beiden F\u00e4llen kompromi\u00dflose Lust der Liebhaber gezeigt wird, legen eine moralische Stellungsnahme zun\u00e4chst nicht nahe.<\/p>\n<p>Dann die beiden Charaktere:<\/p>\n<p>Er, ein potenter Casanova, der seinen Zauberstab ausslie\u00dflich der Befriedigung von Frauen verschrieben hat. Freundlich, den Macho nur zur Freude der Frauen inszenierend, letztenendes williges Spielzeug der akti\u00adven, handelnden und handlungsanwei\u00adsenden Lust der Frauen. Erf\u00e4hrt seine Befriedigung in der Lust von Frauen. Gibt sich der Lust seiner Liebhaberin bis zu physi\u00adschen Selbstaufgabe hin.<\/p>\n<p>Sie, ein Mensch, der sich ganz von der Stimulation ihrer Lust leiten l\u00e4\u00dft, uners\u00e4ttlich, nicht b\u00f6swillig, eivers\u00fcchtig besit\u00adzergreifend in Bezug auf den Schwanz, fasziniert von der Macht \u00fcber den K\u00f6rper des Mannes (von ver\u00e4nderlichem Schwanz \u00fcber Exclusivit\u00e4t bis zum Erw\u00fcrgen), ist dem K\u00f6rper des Mannes ver\u00adfallen, kompremiert in ihrem Fetisch Schwanz und bem\u00e4chtigt sich seiner soweit sie es kann, mu\u00df ihn dadurch letztendlich ver\u00adlieren, denn alles lebendige stirbt, bem\u00e4chtigt man sich seiner ganz.<\/p>\n<p>Beide sind vereint in <u>ihrer<\/u> Lust und <u>seiner<\/u> Befriedigung, so\u00adweit, da\u00df diese zum Schlu\u00df sogar seine anf\u00e4ngliche Todesangst, ja, selbst seinen \u00dcberlebenswillen \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Und hier kommt es zu den ersten Zweifeln an der Neutralit\u00e4t des urspr\u00fcnglichen Betrachters: So sehr die beiden Protagonisten auch als Pers\u00f6nlichkeiten erscheinen m\u00f6gen, gibt man sich ganz in den Film hinein, so sind es doch, betrachtet man n\u00fcchtern, trotzdem klassische christ\u00adliche Rollenvorstellungen von Mann und Frau, und zwar genau von dem abgrundtief b\u00f6sesten Teil dieser Beziehung. Der Mann ver\u00adliert in der k\u00f6rperlichen Leidenschaf\u00adlichkeit der Frau sein spirituelles Mensch-sein, all das, was ihn zur Krone der Sch\u00f6p\u00adfung macht. Und die Frau ist ohnehin nur Fleisch und an Fleisch interessiert &#8211; was eindrucksvoll genug die an freudische Kastra\u00adzions\u00e4ngste und Penisneid erinnernde Schlu\u00dfszene widerspiegelt. Au\u00dferdem auch in der Darstellung s\u00e4mtlicher anderer Frauen, von w\u00e4rend der rithuellen Hochzeits\u00adnacht der Protarg. zwangsmastu\u00adbierte, jungfr\u00e4uliche Beisitzerin, bis zur singenden Omi (Geisa), die alle im Grunde nur gefickt werden wollen.<\/p>\n<p>Nun spielt das Ganze aber in Japan und Freud wie S\u00fcndenfall sind westlich, allerh\u00f6chst mittel\u00f6stlich. Vielleicht also nur zuf\u00e4l\u00adlig ausgel\u00f6ste, nicht aber intendierte Assoziationen?<\/p>\n<p>Die Br\u00fccke wird formal, wie inhaltlich geschlagen: Der Haushalt, der gezeigt wird, die rithuellen Handlungen (Hochzeit, Ankleiden des Mannes&#8230;), die \u00e4u\u00dferlich sichtbare Beziehung zwischen Mann und Frau sind alle erzpatriachalisch und in Traditionen er\u00adstarrt. Br\u00fcchig genug allerdings, um die tats\u00e4chlichen Bezie\u00adhungen nicht einmal mehr ganz verdecken zu k\u00f6nnen (Rumgev\u00f6gel in \u00d6ffentlichkeit mit aktiver Partnerin).<\/p>\n<p>Die alte, traditionell verwurzelte, lebenserhaltende Ordnung, in der der Mann sicher und fest die Familie etc. f\u00fchrte, ist aufge\u00adweicht und f\u00fchrt zum Tod oder, noch schlimmer, zur Kastration.<\/p>\n<p>Aber &#8211; wie konnte denn das passieren?<\/p>\n<p>In dieser Argumentation bleibend, bietet uns der japanische, in Frankreich lebende Regisseur auch implizit Antwort: Die wenigen Au\u00dfenaufnahmen zeigen, wie niedliche Traditionen von einzug\u00adhaltenden Monstren der (westlichen) Moderne plattgewalzt werden; so kleine Menschen vor riesigen Fabrikschornsteinen, wie gezogene Ritschkas vor riesigen, schwarzen, in Rei&#8217; und Glied stehen\u00adden Lokomotiven. Und auch die Vision, die sie w\u00e4hrend ihres letzeten Orgasmusses hat, im Augenblick seines Todes, ist voll von der Nostalgie eines Mannes, der an sein gefallenes Reich denkt: Sie findet sich wieder in einem Ring liegend, der f\u00fcr Sumoringer gedacht ist, nackt und einsam, hunderte von leeren B\u00e4nken um sich. Um sie herum tanzen singend ein Greis und ein kleiner Junge. Als die beiden auch pl\u00f6tzlich verschwunden sind, ruft sie hilflos seinen Namen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inna brachte in der Metro noch einen guten Stunt: Wir standen, uns unterhaltend im Eingang eines Waggons. Neben uns sa\u00df, den Kopf an eine Halterung gelehnt, ein junger Mann. Zun\u00e4chst positionierte Inna ihre Hand so geschickt, da\u00df der J\u00fcngling den Kopf nicht mehr zum d\u00f6sen anlehnen konnte. Dann schnippte sie ihm ans Ohr und gebot es ihm, aufzustehen, um einer Omi Platz zu machen. Der J\u00fcngling befolgte peinlich ber\u00fchrt mit Blick auf mich auch ihre Anweisung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-20-05-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern den Film &#8220;Imperium der Sinne&#8221; gesehen, ein Film von eben dem Regisseur, der auch &#8220;Marry Christmas, Mr. Lorenz&#8221; gedreht hat. Er erz\u00e4hlt die leidenschaftlich k\u00f6rperliche Liebesgeschich\u00adte eines Hausherren mit einer Hausangestellten, die sich im Japan des Jahres 1930 zutrug. 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