{"id":885,"date":"2018-02-22T11:13:29","date_gmt":"2018-02-22T10:13:29","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=885"},"modified":"2019-03-16T14:15:41","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:41","slug":"piter-25-04-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/piter-25-04-1992\/","title":{"rendered":"Piter, 25.04.1992: Gedankenfetzen und noch einmal Moskau; Sasha"},"content":{"rendered":"<p>&#8211; Junger Mann beim Monsterrosenkauf (St\u00fcck 100R): In&#8217; s Gesicht geschnitten steht ihm &#8220;Wenn das jetzt mit ihr nicht klappt, dann lass ich&#8217;s , dreht sich um, sieht sie und schenkt Rosen mit g\u00f6nnerhaftem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Schabernack:<\/p>\n<p>&#8211; Mann f\u00fcttert Enten von einer Br\u00fccke herab. &#8220;Hoops, ja, und dir auch, Hoops &#8230; &#8220;. Recke kommt vorbei und schmei\u00dft den Mann, hoops ! , ins Wasser, wo ihn auf der Stelle hungrige Haie vertilgen. &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Mit Marie und Sascha in der Moskauer Zentralbulotschnaja:<\/p>\n<p>VORHER \/ NACHHER<\/p>\n<p>Ein Mann fri\u00dft, uns dabei unentwegt anstarrend, Fisch. Er h\u00e4ngt an einem Stehtisch und fri\u00dft mit dem gro\u00dfz\u00fcgig offenem Mund eines mutigen Operns\u00e4ngers beim vorsingen. Nach kurzem Sehlangestehen kommen wir zur\u00fcck und finden den Alten jetzt unterm Tisch liegend, auf den kantigen Metallf\u00fc\u00dfen, vom leckeren Fischschmaus, schauen nur noch ein paar Gr\u00e4ten aus seinem halboffenem Mund heraus. An dem Tisch und auf dem Mann steht jetzt ein Punk, in gleicher Manier gleichen Fisch fressend. Marie schl\u00e4gt die Serie &#8220;Vorher \/ Nachher&#8221; vor.<\/p>\n<p>Ich habe den Hund, den ich im August voller Geschw\u00fcre und von R\u00e4ude gezeichnet photographiert hatte, wiedergesehen. Hat den Winter gut \u00fcberstanden, keine Beulen und Geschw\u00fcre mehr.<\/p>\n<pre style=\"padding-left: 30px;\">Und er taumelt durch die Halle\r\n\r\nmit den Bildern an der Wand\r\n\r\nhat im Kopfe nur das eine:\r\n\r\nEin St\u00fcck Ewigkeit an der Hand.\r\n\r\n(Videokamera in Ermitage)<\/pre>\n<p>Nicht ganz unwichtiger Bestandteil der Trag\u00f6die hier ist es, da\u00df die Menschen mit den gleichen h\u00fcbschen Bildern aufgebracht wurden, wie bei uns. Anspr\u00fcche und W\u00fcnsche, Vorstellungen von &#8220;Gutem Leben&#8221; sind sich sehr \u00e4hnlich &#8211; wir haben den gleichen kulturellen Hintergrund. Aber die<\/p>\n<p>M\u00f6glichkeiten, diesen Anspr\u00fcchen &#8211; die ja weitestgehend materielle sind &#8211; gerecht zu werden, sind hier ungleich d\u00fcnner.<\/p>\n<p>Alles nat\u00fcrlich nur Eitelkeit\u2026 aber in einer Welt, die mit Manifestationen von ehrgeiziger Eitelkeit dichtgesaut ist, ein sehr verst\u00e4ndlicher und ebenso ernster Schmerz.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem nat\u00fcrlich das schwerste und gew\u00f6hnlichste Leid des Spie\u00dfers, n\u00e4mlich unberechenbare und rasche Ver\u00e4nderungen des Alltags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nochmal zur\u00fcck nach Moskau:<\/p>\n<p>Zwei weitere Konfrontationen mit dem Tod bescherte mir Tanja.<\/p>\n<p>a) Sie erw\u00e4hnte pl\u00f6tzlich, w\u00e4hrend wir auf dem eiskaltem Sockel einer gest\u00fcrzten Leninstatur sa\u00dfen, wie immer auf in der Kunsthalle verbliebene Freunde wartend, da\u00df sie zu mir eine starke Verbindung sp\u00fcre, vor allem deswegen, weil ich einem ihrer einst besten Freunde sehr \u00e4hnele. Diesen Freund hatte sie in ihren Armen in den sehr schmerzhaften Krebstod begleitet.<\/p>\n<p>b) Sie erz\u00e4hlte mir, wie sie als Kind einst gestorben sei (ihren Erz\u00e4hlungen nach mu\u00df es sich um eine Art des &#8220;Pl\u00f6tzlichen Atemstillstands&#8221; gehandelt haben, der bei uns in letzter Zeit geh\u00e4uft bei S\u00e4uglingen beobachtet wird, &#8221; &#8230; so, als wollten sie einfach nicht mehr.&#8221;<\/p>\n<p>Sie sagte, sie w\u00e4re nur zur\u00fcckgekommen, weil sie ihre Mutter weinen gesehen h\u00e4tte. Wir kamen darauf, als sie erkl\u00e4rte, da\u00df die unver\u00e4nderliche Welt hinter der Welt der Erscheinungen (das jetzt \u00fcbersetzend, f\u00e4llt mir die \u00c4hnlichkeit zu Plato auf) mehr \u00e4ngstige, als die sichtbare.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt werde ich hier erstaunlich oft mit Geschichten von in Gewaltakten gestorbenen Menschen konfrontiert:<\/p>\n<p>&#8211; Gestern bei der Kusine von Inna. Ihr Vater wurde letal zusammengeschlagen, als er einem anderen Opfer der Hooligans helfen wollte. Letzteres starb im Krankenhaus, weil es ein Sonntag und somit kein Arzt zugegen war.<\/p>\n<p>&#8211; Der Mann einer Freundin B.M.&#8217;s, der w\u00e4hrend eines Seitensprunges von dem Mann seiner Liebhaberin erschossen wurde.<\/p>\n<p>&#8211; Der Liebhaber von Boris (Arzt, den ich bei Serjoscha kennenlernte), der beim Fremdgehen vom Sexualpartner erstochen wurde.<\/p>\n<p>&#8211; Ein weiterer Bekannter von B.M., der auf der Stra\u00dfe einfach so erschossen wurde.<\/p>\n<p>&#8211; Der Bruder Iveri&#8217;s Soul-Sisters, der bei K\u00e4mpfen in Tiflis erschossen wurde.<\/p>\n<p>&#8211; Und nat\u00fcrlich ein paar Autounf\u00e4lle und Selbstmorde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>SASCHA<\/p>\n<p>Eitelkeit &#8211; Gleichg\u00fcltigkeit &#8211; Gelassenheit<\/p>\n<p>Wenn Eitelkeit se selbstgen\u00fcgsam wird, ist sie von Gleichg\u00fcltigkeit, ja, sogar von Gelassenheit kaum noch zu Unterscheiden &#8211; Narziss will sich selbst betrachten und nicht mehr betrachtet werden. Er hat von allem gelassen, nur nicht von sich selbst. Kann man aber, wie Meister Eckard behautet, von sich selbst lassen, wenn man doch selbst stirbt? Selbst grammatikalisch ist dies ein Paradoxon.<\/p>\n<p>Leute, die an mir Interesse haben, interessieren mich. Nun ist es ein gl\u00fccklicher Umstand, da\u00df mich nur besondere, ausgezeichnete Menschen ertragen. Daher sehe ich mich nur sehr selten gen\u00f6tigt, auszuw\u00e4hlen, wem ich meine Zeit schenke. Es ergibt sich meist flie\u00dfend.<\/p>\n<p>Theoretisch gibt es viele Wege gleicher G\u00fcltigkeit. Betrachtet man, gilt das auch f\u00fcr die Praxis. Handelt man aber, gibt es trotz alledem nur einen.<\/p>\n<p>Ob ich den nun vorher theoretisch ausgew\u00e4hlt habe, ob ich ihn mir auftragen lasse und folge, ob ich meinem Herzen folge, falls es zu mir spricht, oder ob ich einfach dort gehe, wo es mir m\u00f6glich ist, ist doch ganz gleich, f\u00fcr denjenigen, der die Schrift an der Wand nicht sieht.<\/p>\n<p>Gibt es Freiheit \u00fcberhaupt, sei es nun als Willens-, Geistes- oder Seelenfreiheit, w\u00e4hlt man immer im Handeln aus.<\/p>\n<p>Sascha warf mir vor, <em>not to chose<\/em>, und so meine Zeit zu verschwenden. Er meinte dies vor allem in Bezug auf Inna. Da er von Fee wei\u00df, bedeutet ihm mein Schlafen mit ihr Kummer und sogar Depression. Er implizierte, ich m\u00fcsse zwischen ihm, Frauen (ausgenommen Fee) und Drogen w\u00e4hlen (ich habe in den letzten Wochen ziemlich viel gesoffen).<\/p>\n<p>Die Sache mit dem Ausw\u00e4hlen ist nicht uninteressant. In den meisten kleinen Allt\u00e4glichkeiten, wie z.B. mit wem ich eine Nacht verbringe, wer zu mir zu Besuch kommt, mit wem ich einen kleinen Trip mache, ob ich nach Amerika oder nach Spanien fahre, was es zu essen gibt, mit wem ich mich unterhalte, ob ich Geschichte oder Ethnographie studiere usw., aus denen unser Leben auf den ersten Blick allerdings besteht, entscheide ich tats\u00e4chlich entweder ungern oder aber nach dem M\u00f6glichkeitsprinzip, nehme also sorglos das, was mir zuf\u00e4llt. Gr\u00f6\u00dfere Entscheidungen &#8211; z.B. bei wem ich in Berlin wohne, wo ich \u00fcberhaupt lebe, ob es einen Menschen in meinem Leben geben soll, ob ein Gott in meinem Leben wichtiger sein soll, als ich mir selbst &#8211; ergibt sich entweder auch von selbst, oder aber ergibt sich nicht, l\u00e4\u00dft sich dann auch f\u00fcr mich nicht entscheiden und \u00e4ngstigt mich aufs \u00e4u\u00dferste, wenn ich es als notwendige Schleuse wahrnehme.<\/p>\n<p>Ansonsten macht Sascha jetzt ernst in Sachen Religiosit\u00e4t: Die letzten Tage vor Ostern will er mich nicht mehr sehen, will nur bei sich sein und lesen.<\/p>\n<p>Er gab aber vordem zu, da\u00df ich f\u00fcr ihn seine st\u00e4rkste Versuchung sei. Er sch\u00fctzt sich davor, indem er &#8220;Perlen vor die S\u00e4ue wirft&#8221;, mir also st\u00e4ndig seinen Glauben rechtfertigt (er selbst und ich sind nat\u00fcrlich S\u00e4ue, denn ohne Segen zu predigen ist in der Orthodoxie auch S\u00fcnde). Au\u00dferdem provoziert er mich durch sein Predigen nat\u00fcrlich st\u00e4ndig zu blasphemischen \u00c4u\u00dferungen \u2013 und macht sich deshalb Sorgen um die D\u00e4monen (auf den vierzig (?) Sprossen zum Paradies; er wei\u00df ja nicht, ob meine Seele nicht wertvoller sei, als die seinige.<\/p>\n<p>Die Geschichten, die er von Pfarrern erz\u00e4hlt, beindrucken ihn sehr (wie z.B. ein Pfarrer einer heuchlerisch bekenntnisw\u00fctigen Frau, auf ihre Behauptung hin, nach der sie so schlecht sei, da\u00df man sie nur noch anspucken d\u00fcrfe, tats\u00e4chlich symbolisch (mit Luft) vor die F\u00fc\u00dfe spuckte und sie wegschickte), langweilen mich aber eher. Ganz schlimm wird es, wenn er von Frauen und Sexualit\u00e4t spricht (mit der Beherztheit der Kenntnisfreien). Erinnert etwas an Jan Martin. Von Dostojewski hat er tats\u00e4chlich interessanter gesprochen.<\/p>\n<p>Ganz h\u00fcbsch ist, da\u00df nach Saschas Darstellung, Jesus den S\u00fcndenfall der M\u00e4nner, Maria aber den S\u00fcndenfall der Frauen annulliert h\u00e4tte, das Paradies also wieder ge\u00f6ffnet hat. Indem sie n\u00e4mlich ohne Erbs\u00fcnde geboren hat. Daher ist Maria der reinste und h\u00f6chste Mensch, den es je gegeben hat. Eben weil sie nicht Frau war.<\/p>\n<p>Mag man Frauen, kann man sich als religi\u00f6ser Mensch wirklich nur noch f\u00fcr Buddhismus, <em>samogon<\/em> oder alte Naturreligionen entscheiden. Christentum, Moslems und Hindus scheiden als Waffe gegen Weiblichkeit als M\u00f6glichkeit aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-27-04-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; Junger Mann beim Monsterrosenkauf (St\u00fcck 100R): In&#8217; s Gesicht geschnitten steht ihm &#8220;Wenn das jetzt mit ihr nicht klappt, dann lass ich&#8217;s , dreht sich um, sieht sie und schenkt Rosen mit g\u00f6nnerhaftem L\u00e4cheln. Schabernack: &#8211; Mann f\u00fcttert Enten von einer Br\u00fccke herab. &#8220;Hoops, ja, und dir auch, Hoops &#8230; &#8220;. 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