{"id":774,"date":"2018-02-18T17:46:24","date_gmt":"2018-02-18T16:46:24","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=774"},"modified":"2019-03-16T14:15:40","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:40","slug":"petersburg-22-02-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-22-02-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 22.02.1992: Inna auf Dimas Ausstellung kennengelernt"},"content":{"rendered":"<p>Es passiert jetzt so viel&#8230; . Abri\u00df:<\/p>\n<p>&#8211; Mit Sascha auf der Ausstellungser\u00f6ffnung eines mit ihm befreundeten Photographen gewesen. Ein sehr begabter Stimmungsf\u00e4nger. Hervorragende Nachtaufnahmen von Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen (mit Menschen). \u00d6d\u00f6n w\u00e4re begeistert gewesen. Menschen sind trotz der Weitwinkeligkeit der Aufnahmen das Zentrum der Bilder. Mit westdeutschen Augen betrachtet (intellektuell-sinnsuchende Augen), kamen einige Bilder ums Klischee nicht herum &#8211; so die R\u00f6ntgenaufnahme von zwei H\u00e4nden, nach denen ein kleines Kind freudig greift. Der Fotograf hat sehr viel mit Retusche gearbeitet und teilweise mir neue Formen der Kollage gew\u00e4hlt (\u00fcbereinander liegende Fotos, die durch grobe Ab- und Aufrisse im Deckbild ausgestellt wurden).<\/p>\n<p>Danach sind wir noch zum Feten raus in den <em>spalnij rajon <\/em>gefahren. Dank seines mehrmonatigen Aufenthaltes in Amerika, war &#8216;Wilikij&#8217; mit bestem Blues ausger\u00fcstet und so ging die Party ab. Ich lernte tanzend noch eine landschafts\u00e4sthetische Erscheinung mit Namen Inia kennen. Da sie ohne Mann zugegen war, wurde sie mit steigendem Alkohol-Pegel auch mehr und mehr offensichtlicher Zielpunkt der m\u00e4nnlichen Geilheit (grabschen und fummeln). Da sie ihr Interesse aber ebenso offensichtlich mir schenkte, zog ich die aggressive Ablehnung eines ziemlich besinnungslos betrunkenen Mannes mittleren Alters auf mich. Dieser brachte es dann auch fertig, mir, nachdem ich Inia von seinen auf der Tanzfl\u00e4che dargebotenen Schwindsuchtsanf\u00e4llen erl\u00f6st hatte, in die Hodenrichtung zu treten. Da das seine Balance-F\u00e4higkeiten aber bei weitem \u00fcberschritt, entschied ich mich gegens Gehen.<\/p>\n<p>&#8211; Inia wiedergetroffen und mit ihr abends nach Puschkin rausgefahren, wo sich gerade eine wundersch\u00f6ne Winternacht einrichtete: Dicht und leise fallender Schnee, das wohlmeinende V\u00e4terchen Frost, ein gelegentlich durchscheinender Mond, die von romantischen Parkanlagen umgebene Sommerresidenz des Zaren, Stra\u00dfenlaternen in Gassen, die H\u00e4user aus einer anderen Zeit illuminierten.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Kodakchrome64_Russia_1997-98_highqual-10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-782\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Kodakchrome64_Russia_1997-98_highqual-10.jpg\" alt=\"\" width=\"646\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Kodakchrome64_Russia_1997-98_highqual-10.jpg 646w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Kodakchrome64_Russia_1997-98_highqual-10-194x300.jpg 194w\" sizes=\"auto, (max-width: 646px) 100vw, 646px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Kontra\u00dfstprogramm dazu gingen wir dann ins Kino, weil Inia die \u00dcbersetzung des laufenden Filmes vortrug &#8211; ein franz\u00f6sischer Sex-Film der End-Siebziger. Bei den vielen nicht-synchronisierten Filmen geht das hier n\u00e4mlich so ab: Der O-Ton l\u00e4uft etwas leiser als die Stimme des life-\u00dcbersetzers mit. Dieser liest monoton einen Text ab, der nur mehr oder weniger mit den Gespr\u00e4chen im Film einhergeht. Denn der Vortragende spricht in den meisten F\u00e4llen die Sprache des Filmes selbst nicht.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG1035-CA-OctNov03.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-780\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG1035-CA-OctNov03.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"653\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG1035-CA-OctNov03.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG1035-CA-OctNov03-300x196.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG1035-CA-OctNov03-768x502.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da I. aber einen ausgezeichnet trockenen Sinn f\u00fcr Humor neben ihrer bezaubernden Stimme (gesungen und gesprochen) hat, hatten wir in ihrem Kabuff gen\u00fcgend Spa\u00df.<\/p>\n<p>&#8211; Schlimmer war allerdings die \u00dcbersetzung des Fassbinder Filmes &#8220;Der amerikanische Soldat&#8221;. Die Sprache ist nicht nur auf ganzer Ebene entsch\u00e4rft (&#8220;ficken&#8221;, &#8220;halt die Fresse&#8221; &#8230;) sondern teilweise schlicht mi\u00dfverstanden \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Fassbinder ist hier einer der popul\u00e4rsten Regisseure &#8211; die Kinothek war brechend voll, wie schon lange nicht mehr. Auch herrschte die gesamte Vorstellung \u00fcber and\u00e4chtige Ruhe. Da\u00df einige Zuschauer den Film dann doch f\u00fcr eine R\u00e4uberpistole gehalten haben, wurde deutlich, als nach dem faktischen Ende der Handlung viele Leute zum Gehen aufstanden und damit die zentrale Bedeutung der letztendlichen, endlosen homophilen Nekrophilie, einhergehend mit der immer wieder endenden und neubeginnenden Musik, nicht verstanden.<\/p>\n<p>Ich sah den Film zusammen mit B.M. an ihrem Geburtstag.<\/p>\n<p>&#8211; An diesem Abend unterstrich sie auch noch einmal die wesentliche Katalysatorfunktion, die ich in ihrem Leben eingenommen habe, verifizierte ihre Gef\u00fchle zu mir und erz\u00e4hlte von ihrem Leid.<\/p>\n<p>Sie will zum ersten Mal sich &#8211; und wenn es sein mu\u00df auf Kosten anderer. Neben reiferen Empfindungen f\u00fcr mich sitz ihr eingestanden aber immer, wenn wir uns sehen, der Dorn der jugendlich-romantischen Liebe mit k\u00f6rperlichem Verlangen im Fleisch.<\/p>\n<p>In ihrem Reden zu mir, sprengt sie alle hier grassierenden Tabus. Es gibt da nichts, wor\u00fcber ich nicht mit ihr Rede, weil ich meine R\u00fccksicht nehmen zu m\u00fcssen. Es gibt wirklich die verr\u00fccktesten Inseln der Offenheit, hier in diesem Meer aus verschwiegenem Schutz.<\/p>\n<p>&#8211; Die Menschen, die es mir hier am Meisten anturn, sind Frauen um die 60 aus dem Umfeld der Intelligenzija. Es sind Menschen, die ein \u00e4hnliches Schicksal gehabt haben: Eine vom Krieg gepr\u00e4gte Kindheit. Sofern sie in Petersburg aufwuchsen, die Blockade, mit der Allgegenw\u00e4rtigkeit des Todes und den grausamsten Bildern menschlicher Abgr\u00fcnde. Viele sahen als Kleinkinder ihre Familie verhungern, so auch Tamara Ivanovna Ornaskaja. Dann die wahre Ausrottungskampangie Stalins gegen die Intelligenzija, Juden, ehemalige Gro\u00df- und Bildungsb\u00fcrger. Die meisten Familiern wurden um mehr als die H\u00e4lfte &#8211; viele ganz &#8211; liquidiert. Kaum jemand (nur die Kinder) entgingen einer Internierung, die bis zum Tod Stalins die physische Vernichtung bedeutete.<\/p>\n<p>Diese Kinder (vor allem Frauen \u00fcberlebten) hatten noch einen Eindruck der alten Kultur bekommen und wu\u00dften in vielen F\u00e4llen von den Verbrechen (viele wohl auch nicht, wie B.M., deren Vater als ehemals hochkar\u00e4tiger Kommunist in einem Camp umgebracht wurde, deren Mutter aber aus Angst und Hoffnungslosigkeit nichts davon erz\u00e4hlte). Sie erschufen die neue Untergrundkultur, schmissen in einer patriarchalischen Familienstruktur Haushalt und Kinder, arbeiteten in einer kommunistischen Gesellschaft voll mit und waren als eingeweihte Dulder Erben eines erdr\u00fcckenden Gewissens im Angesicht der L\u00fcgen, an deren Gestaltung und Verbreitung sie mitbeteiligt waren\u00a0 (Lehrer, Wissenschaftler usw.).<\/p>\n<p>Es sind Frauen, die alles gegeben haben und die sich jetzt fragen, wer sie sind.<\/p>\n<p>Meine Bekannte in Moskau nimmt sich da aus, weil sie sich diese Frage in ihrer Kunst schon lange gestellt hat. Ihre vielen Selbstportr\u00e4ts zeugen davon.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Fuji100_Russia_1997-98_highqual-57.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-783\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Fuji100_Russia_1997-98_highqual-57.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Fuji100_Russia_1997-98_highqual-57.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Fuji100_Russia_1997-98_highqual-57-300x200.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Fuji100_Russia_1997-98_highqual-57-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8211; Andruschers Haus wird jetzt jeden Tag eingerissen. Die letzten Male, die ich bei ihm war, kam ich nur noch mit einigen Einbrecher-Stunts zu ihm durch. Daher trug ich die letzten Tage auch immer Taschenlampe, Seil und Kn\u00fcppel bei mir. Ich bot es ihm an, bei mir zu wohnen, falls sich keine andere M\u00f6glichkeit ergeben sollte.<\/p>\n<p>&#8211; Inia traf ich vorgestern kurz und wir gingen zu Andruscher. Sie ist immer etwas aufgeregt, wenn wir uns sehen. Sie mag mich.<\/p>\n<p>&#8211; Gestern fuhr ich nach Kamorova raus und verbrachte den Tag mit Tamara Ivanova, ihrem Mann und Freunden von ihnen. Sie erinnert mich sehr an die <em>angry young man<\/em> Literatur. Ich unterhalte mich sehr gerne mit ihr. Sie mu\u00df einmal sehr sch\u00f6n gewesen sein. Es gibt Momente, in denen ich sie begehre. Sie strahlt noch einiges an leidenschaftlicher Sch\u00f6nheit aus.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-25-02-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es passiert jetzt so viel&#8230; . Abri\u00df: &#8211; Mit Sascha auf der Ausstellungser\u00f6ffnung eines mit ihm befreundeten Photographen gewesen. Ein sehr begabter Stimmungsf\u00e4nger. Hervorragende Nachtaufnahmen von Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen (mit Menschen). \u00d6d\u00f6n w\u00e4re begeistert gewesen. Menschen sind trotz der Weitwinkeligkeit der Aufnahmen das Zentrum der Bilder. 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