{"id":739,"date":"2018-02-01T12:29:56","date_gmt":"2018-02-01T11:29:56","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=739"},"modified":"2019-03-16T14:15:40","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:40","slug":"petersburg-11-02-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-11-02-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 11.02.1992: Besuch bei BM; Zweifel; Jazzclub"},"content":{"rendered":"<p>Heute, nach zwei anstrengenden Tagen grundlegender Selbstzweifel mit Mischa im JAZZ-CLUB gewesen. Gestern Abend suchte ich zum ersten Mal hier Ruhe in ablenkender k\u00f6rperlicher Bewegung und verlie\u00df mein App. Richtung Innenstadt. Nachdem ich etwas durch die n\u00e4chtliche Farbenpracht gestreunt war, vor allem im Himmelblau, Weinrot und Ockergelb der Fassaden gebadet hatte, ging ich doch noch zu B.M.. Sie war der einzige Mensch, dem ich mich in meinem Zustand zeigen konnte, obwohl ich wu\u00dfte, da\u00df sie mich erkennen w\u00fcrde. So geschah es und wir verbrachten die fr\u00fche Nacht damit, unsere Traurigkeit zu teilen, die wir als Selbstzweifel benannten. Ich erz\u00e4hlte zum ersten Mal von mir. Sie sieht in mir schon lange nicht mehr Freier Leichtfu\u00df und vermochte es somit, meiner rasenden Seele Linderung zu verschaffen. Antworten wissen wir beide nicht zu geben, doch ber\u00fchren wir einander bisweilen in unserem Fragen und finden so einen anderen Menschen in gleichsam ertasteter Finsternis.<\/p>\n<p>Konkret: Sie fand sich bisher nur in der Hingabe zu anderen, hat aber jetzt (durch Worte von mir &#8211; initiiert schon im August: <em>Sex moschet bitch krasivij<\/em>) ihre unmittelbar ichbezogenen Bed\u00fcrfnisse entdeckt. Diese findet sie erreichbar nur auf ihrer Trauminsel. Da die Br\u00fcche zwischen vorstellbarer Welt und realer Welt aber verwirrend schmerzhaft waren, versuchte sie den Weg zur\u00fcck zu ihrer alten Selbstfindung zu gehen &#8211; was ihr nat\u00fcrlich (nach Ixlan) unm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Sie f\u00fcrchtet, da\u00df ich Kraft sch\u00f6pfe aus dem Leid, da\u00df ich Menschen durch meine Verf\u00fchrung zuf\u00fcge. Eine entscheidende Frage f\u00fcr sie ist es, ob ich bewu\u00dft verf\u00fchre. Au\u00dferdem denkt sie, da\u00df ich Frauen gegen\u00fcber zu leichtfertig mit assoziationsschwangeren Bildern umgehe, die ich sprachlich erzeuge. Sascha hingegen glaubt, da\u00df Sprache an sich \u00fcberhaupt keine Macht hat, Menschen wesentlich zu stimmen (z.B. ihre Wahrnehmung soweit zu manipulieren, da\u00df sie ein bereistes Land nicht mehr ungetr\u00fcbt von <u>diesen<\/u> Bildern sehen k\u00f6nnen). Vielleicht sollte man seinen Standpunkt nicht zu leichtfertig verwerfen &#8211; ist es wirklich Sprache in der Hauptsache, mit der ich Macht aus\u00fcbe? Oder ist Sprache nur die Spitze des Eisberges der die L\u00f6cher aber in den unsichtbaren Tiefen rei\u00dft?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute Abend war ich wie gesagt im Jazz-Club. Es ist neben einem in Moskau wohl eine einzigartige Erscheinung. 25R Eintritt und Getr\u00e4nke zu erschwinglichen Preisen in Rubel und Devisen. Das Publikum besteht aus Russen, die Ausl\u00e4nder treffen wollen, informierten Ausl\u00e4ndern, die Russen mit Fremdsprachkenntnissen kennen lernen wollen und Jazz-Liebhabern. Auf den Klo sprach mich ein gr\u00e4\u00dflicher hanseatischer Mode-Rutscharsch auf Englisch an, der mit mir neben der Nationalit\u00e4t nur die Unf\u00e4higkeit in Gesellschaft von Anderen pinkeln zu k\u00f6nnen, gemeinsam hatte. Er wollte wissen, wo er Koks kaufen k\u00f6nne. Ich machte den Fehler und gab mich als Deutscher zu erkennen &#8211; hatte ihn somit bis zum r\u00fcde werden am Hacken.<\/p>\n<p>Als er gegangen war, beobachtete ich, w\u00e4hrend mir Mischa bettelnd von seinen Reisepl\u00e4nen nach Deutschland erz\u00e4hlte, wie zwei mir vordem schon durch ihre penetrante Lautst\u00e4rke in dem Vorf\u00fchrungsraum, wo ausdr\u00fccklich Ruhe erbeten ist, aufgefallene Fetts\u00e4cke nach dem Ende der Vorstellung immer wieder den Mischer ranpfiffen. Dieses &#8220;ranpfeifen&#8221; ist durchaus w\u00f6rtlich zu verstehen. Das sie selbstredend kein russisch sprachen versuchten sie im trunkenen Gesch\u00e4ftsmannsenglisch diesem \u00e4lteren Mann ihren Willen klarzumachen, die Band weiter spielen zu sehen &#8211; und sei es f\u00fcr harte W\u00e4hrung. Ich hielt sie f\u00fcr Deutsche. Das Bild, das sich bot, pa\u00dfte so gut ins Klischee, das es grotesk wurde: Der Russe, ein sch\u00f6ner hagerer Mann mit Bart \u00fcber dem nicht mehr ganz vollst\u00e4ndigen Gebi\u00df, ein Ausdruck von Freundlichkeit und Demut in seinem L\u00e4cheln, dem ich auf der Stelle geglaubt h\u00e4tte, die Schrift an der Wand auswendig zu k\u00f6nnen, wurde von diesen Personifizierungen von \u00dcberfl\u00fcssigkeit mit Pfiffen, Hey!&#8217;s und dem &#8220;Ich habe die Taschen voller Geld&#8221;-Fingerzeichen adressiert. Eine einzige dieser Bewegungen oder Laute, h\u00e4tte mir gereicht, um diese Feindbilder aus meinem Gesichtskreis zu entfernen; er aber ging zweimal mit seinem tiefsinnigen L\u00e4cheln zu ihnen hin, bat um Vergebung kein Englisch sprechen zu k\u00f6nnen und versuchte zu erkl\u00e4ren, wie unm\u00f6glich das Anliegen dieser G\u00e4ste sei. Ich hielt es nicht mehr aus, als mir klar wurde, da\u00df diese wabernden Spesenficker nicht im entferntesten daran dachten zu gehen, obwohl der Saal sich schon fast g\u00e4nzlich geleert hatte. Zun\u00e4chst adressierte ich sie aggressiv auf Deutsch. Als sie mich irritiert ansahen, sprach ich zun\u00e4chst nur mit dem alten Mann und entschuldigte mich f\u00fcr die <em>wyssokomenie <\/em>dieser Kreaturen. Er hingegen fand es in seinem Herzen ihr Verhalten sehr viel milder zu interpretieren als ich. Daraufhin sprach ich h\u00f6flich aber sehr bestimmt mit den Deutschen, die sich als Norweger enttarnten. Sie wollten ihren Wodka mit mir teilen und erz\u00e4hlten mir, wie sie den Jazz-Club in Moskau mit ihrem Geld bis sp\u00e4t in die Nacht hinein am Leben erhalten h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Es gibt wirklich Menschen, die au\u00dfer ihrem Geld absolut nichts zu geben haben.<\/p>\n<p>Zeit wird hier langsam zu Geld &#8211; und das scheint ein sehr schmerzlicher Proze\u00df zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=742&amp;preview=true\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute, nach zwei anstrengenden Tagen grundlegender Selbstzweifel mit Mischa im JAZZ-CLUB gewesen. Gestern Abend suchte ich zum ersten Mal hier Ruhe in ablenkender k\u00f6rperlicher Bewegung und verlie\u00df mein App. Richtung Innenstadt. 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