{"id":737,"date":"2018-02-01T12:04:13","date_gmt":"2018-02-01T11:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=737"},"modified":"2019-03-16T14:15:40","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:40","slug":"petersburg-10-02-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-10-02-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 10.02.1992: Melancholie"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich in einer so verzagenden Melancholie gefangen bin, wie es jetzt ist, erscheint es mir immer so, als seien alle Wege schon gegangen, als gebe es da keinen Raum mehr, meinen Eigenen zu finden, als m\u00fcsse auch ich den Riesen hinterherstolpern in dem hoffnungslosen Versuch diese nachzuahmen. Und als bliebe auch mir nur die Lebensl\u00fcge, um mich nicht st\u00e4ndig als Versager zu f\u00fchlen. Denn auf eine wirklich religi\u00f6se Dem\u00fctigung meiner eitlen Anspr\u00fcche, kann ich wohl kaum hoffen.<\/p>\n<p>Ich habe, entgegen allem Anschein, ein sehr br\u00fcchiges Selbstvertrauen, gerade durch mein omnipr\u00e4sentes Selbstbewusstsein. W\u00e4re ich doch nur ein St\u00fcck von dem, das ich andere Leute glauben mache zu sein!<\/p>\n<p>Vielleicht sind es aber auch diese Leute, die mir ohne mein handelndes Zutun die eitlen Flausen in den Kopf gesetzt haben, so da\u00df ich jetzt den hochm\u00fctigen Bildern hinterherjage, die sie mir im Aussprechen ihrer Wunschsichten erzeugt haben.<\/p>\n<p>Ich verstehe nur sehr wenig, warum ich so oft mehr verhei\u00dfen habe zu sein, als ich mir jetzt selber bin. Mit der sonst so gef\u00fcrchteten Geringsch\u00e4tzung hatte ich in der Vergangenheit viel weniger zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Und ich kann einfach keinen ausgetretenen Pfad hinterherschlingern. Ich bin nicht bereit erst Dreck zu schlucken um dann irgendwann einmal Dreck produzieren zu k\u00f6nnen, den andere schlucken m\u00fcssen. Oder mir die Lippen an staubigen Statuen wundzuk\u00fcssen, um meine kleine Statur dann irgendwann mir in diese morbide Walhalla der abendl\u00e4ndischen Wissenschaften zu stellen. Mich fortw\u00e4hrend von anderen beurteilen zu lassen. Ich will entweder Gro\u00dfes schaffen oder Garnichts. Da mir aber kein Talent beschieden ist, dr\u00e4ngt sich Letzteres als wahrscheinlichere Zukunftsperspektive auf.<\/p>\n<p>Die Alternative w\u00e4re es, einen &#8220;Weg mit Herz&#8221; zu finden, aber wie es scheint, ist mein Kopf viel zu voll mit schweren Bildern, als da\u00df mein Herz ihn zu bewegen vermochte.<\/p>\n<p>Es steht durchaus noch nicht geschrieben, da\u00df ich mit drei\u00dfig Katrin nicht heiraten werden mu\u00df&#8230; . Wenn ich die Augen schlie\u00dfe, sehe ich, so sehr ich mich auch anstrenge, schwarze Fl\u00e4che (beim Orgasmus manchmal durchsetzt von bemerkenswerten Hell-Dunkel Effekten). Ich sehe die Schrift an der Wand noch nicht einmal, geschweige denn, da\u00df ich sie lesen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das Selbstbewu\u00dftsein als sterbliches Einzelwesen kam wohl sehr fr\u00fch auf mich darnieder. Der Unglaube in die F\u00e4higkeit anderer Menschen, einen nachamungswerten Weg zu gehen, resultierte nicht zuletzt auch aus der Niedrigkeit und Hilflosigkeit, mit der mich die Eltern immer wieder konfrontierten, indem sie ihr Zusammenleben nicht auf eine harmonische, kraftspendende eher als aufreibende Weise zu gestalten vermochten. Au\u00dferdem die Abgr\u00fcnde in Wort und Tat, mit denen sie mich immer wieder konfrontierten.<\/p>\n<p>Bernd und Jens kommen mit dieser ja geteilten Geschichte anders klar; ihnen war wohl nie die eitlen Anspr\u00fcche durch Tr\u00e4ume von Gr\u00f6\u00dfe zu eigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein sehr beliebtes Spiel der russ. Intelligenzija und denen, die sich dazu z\u00e4hlen, ist im Moment &#8220;Erbarmen, der Kulturlose Westen kommt!&#8221;. Initiatoren dieses Spiels sind vor allem Pan-Slawismus und Orthodoxie. Auch meine Lehrerin will in der Philharmonie jetzt schon nicht mehr die Athmosph\u00e4re von fr\u00fcher sp\u00fcren. Nostalgie auf ganzer Ebene.<\/p>\n<p>Ich war auch immer geneigt, die kulturellen Eigenheiten des russischen Folkes auf den Wohlstandsm\u00fcllhalden des Westens zugrunde gehen. Bis mich Jurij Benz&#8217;anovitsch darauf hinwies, da\u00df Kultur niemals ein statischer Zustand sei, sondern immer ein Konkurrieren verschiedener Ideen, Lebensformen, Werten usw.. Wenn also ein Interesse an profunden Auseinandersetzungen mit den gro\u00dfen Fragen des Lebens in Literatur und Schauspiel, sowie den Sch\u00f6nen K\u00fcnsten, der &#8220;Russischen Seele&#8221; tats\u00e4chlich sehr verwandt ist und nicht nur Ersatzbefriedigung f\u00fcr nicht angebotene oberfl\u00e4chliche Gen\u00fcsse, so wird sich diese Tradition auch erhalten. Wenn nicht, dann braucht man ihr auch nicht wehm\u00fctig nachzuheulen.<\/p>\n<p>Klare Absage an &#8220;Das Sein formt das Bewu\u00dftsein&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-11-02-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich in einer so verzagenden Melancholie gefangen bin, wie es jetzt ist, erscheint es mir immer so, als seien alle Wege schon gegangen, als gebe es da keinen Raum mehr, meinen Eigenen zu finden, als m\u00fcsse auch ich den Riesen hinterherstolpern in dem hoffnungslosen Versuch diese nachzuahmen. 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