{"id":721,"date":"2018-01-31T21:11:07","date_gmt":"2018-01-31T20:11:07","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=721"},"modified":"2019-03-16T14:15:39","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:39","slug":"petersburg-04-02-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-04-02-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 04.02.1992: freie Sch\u00f6nheit, Unmut, Orthodoxie"},"content":{"rendered":"<p>Nur Sch\u00f6nheit kann frei von Sch\u00f6nheit tr\u00e4umen, kann Sch\u00f6nheit bei anderen suchen um diese zu lieben. Nur Sch\u00f6nheit will Sch\u00f6nheit nicht eifers\u00fcchtig verteidigen, neidisch in den Dreck ziehen, kann von Sch\u00f6nheit furchtlos eingenommen werden. Nur Sch\u00f6nheit kann Sch\u00f6nheit ungekr\u00e4nkt ziehen lassen. Nur Sch\u00f6nheit kann Sch\u00f6nheit lieben.<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr die h\u00e4\u00dfliche Welt ist Sch\u00f6nheit ein Spucken ins Gesicht&#8221;.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde heute gerne so lange trinken, bis ich das Glas nicht mehr finde. Von dem frustgekauften Glenmorangie \u00fcbrigens, den ich trinkend hier sitze, von Finnischer Schokolade kostend &#8211; ich war im Valuta-Shop.<\/p>\n<p>Nachdem heute alles m\u00f6gliche kleine schiefgegangen war, gab ich mich einem Hassanfall gegen diese Umwelt hin, wies einen bettelnden kleinen Jungen, der mich schon einmal mit bemerkenswerter Penetranz genervt hatte, barsch in Fr\u00fchkapitalistenmanier abwies und betrat direkt danach die wenige Meter entfernte Insel der Habenden, wo ich auf Papas kosten b\u00f6swillig oben genannte Produkte kaufte.<\/p>\n<p>Hat man hier Dinge wie Post oder Telefonate dringend zu erledigen, kann einen wirklich der Alltagswahnsinn packen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist mitunter grotesk mitanzusehen, wie viele Menschen hier v\u00f6llig unkritisch versuchen Selbstbewusstsein im offensichtlich \u00c4u\u00dferen zu finden. Beispiele:<\/p>\n<p>&#8211; Je prachtvoller eine Pelzm\u00fctze, um so w\u00e4rmer ist sie meist auch. Obwohl wir die letzten Wochen ausnahmslos ekelhaft warmes Wetter gehabt haben, tragen die Russen, die etwas auf ihre Kopfbedeckung halten, diese wann immer sie k\u00f6nne: In Gesch\u00e4ften als Verk\u00e4uferinnen, in der Metro.<\/p>\n<p>Dazu ist zu bemerken, da\u00df es hier an monstr\u00f6sen, \u00e4u\u00dferst interessant anzusehenden Pelzm\u00fctzen nicht mangelt.<\/p>\n<p>&#8211; Frauen tragen hier nicht selten auch in dieser Jahreszeit kurze R\u00f6cke mit (zumeist Sowjet-) Strumpfhosen. Manchmal mag Not sie dazu veranlassen. Oft ist es aber offensichtlich, da\u00df sie den kurzen Rock teuer gekauft haben und f\u00fcr chick halten. Lange Klamotten sind bis auf Jeans zumeist Sowjet-Klamotten.<\/p>\n<p>&#8211; Au\u00dferdem ist hier nat\u00fcrlich der Lable-Krieg ausgebrochen. Geschmack und individuelles \u00e4sthetisches Empfinden z\u00e4hlen, was das Gesamtbild angeht, nichts. Die Aufschrift &#8220;Westen&#8221; &#8211; die origineller Weise meist in Taiwan hergestellt wurde und in Form von dick und unbequem aufgen\u00e4hten bunten BOSS-Zeichen den Betrachter anfallen &#8211; ist definitiv wichtiger als der Inhalt.<\/p>\n<p>In der Art, wie sie auf ihre Vergangenheit spucken, undankbar mit offenen H\u00e4nden Geschenke annehmen, sich dem Westen, zu dem sie keine andere Beziehung als ihre bl\u00f6de Vorstellung von Reichtum und Luxus haben, prostituieren, k\u00f6nnen die meisten Russen wirklich nicht als stolz bezeichnet werde (und tun sie dies auch nicht!).<\/p>\n<p>Allerdings habe ich in Demut w\u00fcrdevolle Intelligenzija mehr als einmal getroffen, und auch \u00dcberbleibsel von zaristischem Offiziersstolz (Offizier in Moskau, Witali). Und in ihrem Empfinden Weltb\u00fcrger (B.M., vielleicht Irina).<\/p>\n<p>Es ist wohl wirklich kein Zufall, das der Autor des Gedanken, demzufolge die Eigenverantwortung f\u00fcr ihr Schicksal dem Menschen die Gr\u00f6\u00dfte B\u00fcrde ist und er nach nichts so sehr trachtet, als diese los zu werden, ein Russe war. Die Russen &#8211; allen voran gerade die Intelligenzija &#8211; tut wirklich so, als h\u00e4tte sie mit der aus der Vergangenheit resultierenden, gegenw\u00e4rtigen Situation gerade so viel zu tun, wie die Fliege mit dem Klebeband, an dem sie verreckt. Vielleicht ist dieser &#8220;Schock der Eigenverantwortlichkeit&#8221; der wichtigste Grund daf\u00fcr, da\u00df so viele Menschen, wieder gerade auch junge Intelligenzija, Zuflucht in Religionen mit einem sehr klaren Menschenbild und vielen strikten Regeln sucht. Orthodoxie, wie Hare Krishna (die hier boomen), wie Babtists und andere amerikanische Sekten, scheinen dies als gro\u00dfe Verlockung zu bieten.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfinquisitor, der bereitwillig f\u00fcr alles die Verantwortung \u00fcbernahm, und von dem man im Hassen sogar billig Identit\u00e4t und Orientierung bekam, hat sich selbst (mit ein bi\u00dfchen Hilfe von au\u00dfen) verbrannt.<\/p>\n<p>Spiegel sind ein gro\u00dfes Defizit hier.<\/p>\n<p>Die wichtige Besonderheit im christlichen Glauben, scheint mir tats\u00e4chliche der Glaube an einen <u>von Gott gegebenen<\/u> Freien Willen zu sein, der eine Abkehr von Schicksalsergebenheit bedeuten konnte &#8211; und letzten Endes wohl mu\u00dfte. Von der Richtung, die dieser Freie Wille den Menschen veranla\u00dfte einzuschlagen, hing sein ganz pers\u00f6nliches Schicksal ab. Das gilt f\u00fcr&#8217;s Diesseits wie f\u00fcr&#8217;s Jenseits. Weder hatte man automatisch eine Freikarte ins Paradies, noch ging&#8217;s definitiv ab in den Hades.<\/p>\n<p>Die Orthodoxie verharrte anscheinend auf einer Vorstellung vom Paradies mit sieben Siegeln, da\u00df nur von wenigen erreicht wird. Im katholischen Christentum wandelte sich die Vorstellung je nach Opportunit\u00e4t der Macht gelegentlich; einhergehend mit dem sich aus der Taufe hebenden B\u00fcrgertum war das Paradies zwischenzeitlich ja sogar k\u00e4uflich (Abla\u00dfhandel). Geblieben ist im nicht-orthodoxen Christentum die Zug\u00e4nglichkeit des Paradieses, ohne den ganzen Lebensweg \u00e4ndern zu m\u00fcssen. Einzelne, nicht selten materielle und institutionalisierte Handlungen reichen als Eintrittskarte aus. Demut (\u00fcberkommen des Eigend\u00fcnkels in der religi\u00f6sen Erkenntnis) im Angesicht Gottes hat keinen Stellenwert &#8211; sie ist f\u00fcr egoistische Furcht vor der Kirche (Katholizismus) bzw. glauben an die richtige Gesinnung (evangelisches Christentum) eingetauscht worden.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=726&amp;preview=true\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur Sch\u00f6nheit kann frei von Sch\u00f6nheit tr\u00e4umen, kann Sch\u00f6nheit bei anderen suchen um diese zu lieben. Nur Sch\u00f6nheit will Sch\u00f6nheit nicht eifers\u00fcchtig verteidigen, neidisch in den Dreck ziehen, kann von Sch\u00f6nheit furchtlos eingenommen werden. Nur Sch\u00f6nheit kann Sch\u00f6nheit ungekr\u00e4nkt ziehen lassen. 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