{"id":715,"date":"2018-01-31T20:57:01","date_gmt":"2018-01-31T19:57:01","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=715"},"modified":"2019-03-16T14:15:39","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:39","slug":"petersburg-03-02-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-03-02-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 03.02.1992: Literatur, Fotos &#038; Sashas Abgleiten in die Orthodoxie"},"content":{"rendered":"<p>Die M\u00e4dels waren da und wir haben Villon\/Heine gemacht. Elena kommt in der Tat easy ab.<\/p>\n<p>Abends kam Irina. Sie ist ganz versessen darauf, da\u00df ich Photos von ihr mache. Es st\u00f6rt sie daf\u00fcr auch nicht, ein Krampf im Arsch zu sein; mit Absagen kommt sie aber auch klar. Ich habe gestern dann mal auf eigene Kappe ein paar dekorative Aufnahmen gemacht. K\u00f6nnten gut geworden sein &#8211; sie ist kein so schlechtes Modell, wenn sie auf Weibchen-Klischees verzichtet.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_o0052_su1991-93.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-716\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_o0052_su1991-93.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"682\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_o0052_su1991-93.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_o0052_su1991-93-300x205.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_o0052_su1991-93-768x524.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ansonsten war unser Treffen wesentlich angenehmer als das vorangegangene. Ihre Erwartungshaltungen betreffs meines Verhaltens scheinen milder als von mir immer wieder bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Auch sie fand gro\u00dfen Gefallen an den Photos von Alexandra und sieht diese immer wieder lange an. Das ging jetzt so weit, da\u00df Irina Feja mit mir zusammen nach Kamtschatka einlud. Auch G\u00e4ste B.M.&#8217;s erkundigen sich immer wieder nach der Frau auf dem einen kleinen Photo, da\u00df sie von Alexandra hat. Dieses h\u00e4ngt nicht besonders auff\u00e4llig zwischen hunderten von anderen. Ungew\u00f6nlich guter Geschmack scheint hier zu grassieren.<\/p>\n<p>Aleksander sehnt sich sehr nach mentaler Ruhe, die er in einer Religion zu finden hofft. Alle seine Freunde sind ernsthaft dem orthodoxen Glauben beigetreten und versuchen, besorgt um seine Seele und die D\u00e4mone, die nach dem Tod den Zoll auf drei\u00dfig Stationen zum Paradies in Form von guten Taten kassieren , \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten. Der orthodoxe Glauben ist n\u00e4mlich in der Tat einer, der einen exklusiven und absoluten Wahrheitsanspruch erhebt. Au\u00dferdem ist Gottesfurcht ein wichtiger Bestandteil dieser Religion, auch gerade im Hinblick auf die H\u00f6lle &#8211; in die allerdings ohnehin fast jeder kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erlebe A. in dem sehr aufw\u00fchlenden und schmerzhaften Proze\u00df des &#8216;religi\u00f6s Werdens&#8217; in einem orthodoxen Sinne.<\/p>\n<p>Wir reden folglich viel \u00fcber Religion. Folgende Begriffe mu\u00df ich in diesem Rahmen f\u00fcr mich kl\u00e4ren:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">W\u00fcrde &#8211; Selbstwertgef\u00fchl \/ Ausdruck der W\u00fcrde im &#8216;Nein&#8217;, nicht im &#8216;Ja&#8217;:<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">W\u00fcrde, weil man angesichts der Erkenntnis Gottes nichts zu verlieren hat &#8211; Freiheit &#8211; Demuth &#8211; Gelassenheit &#8211; Nicht Tun; 2.1 Entw\u00fcrdigung: \u00c4u\u00dferliche Entw\u00fcrdingung nicht m\u00f6glich (&#8220;unantastbar&#8221;)<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\">W\u00fcrde, weil man Dinge besitzt, von denen man Identit\u00e4t und Selbstwert ableitet &#8211; Stolz &#8211; Selbstgef\u00e4lligkeit \/ Selbstzufriedenheit \/ Ruhe &#8211; Tr\u00e4gheit &#8211; Handlungsunf\u00e4higkeit; 3.1 Entw\u00fcrdigung: Entwendung der Besitzt\u00fcmer, von denen Selbstwert abgeleitet wird &#8211; a) anything goes (Marx, Harlem), b) lethargische Selbstaufgabe, c) Kampf um Besitzt\u00fcmer<\/li>\n<\/ol>\n<p>In Situationen, in denen es nicht ums \u00dcberleben geht sehen 2. und 3. sich oft sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>B.M., Sascha und Andere sagten in der Vergangenheit immer wieder, da\u00df es in Ru\u00dfland keine W\u00fcrde gebe. In Deutschland viel Sascha gerade die W\u00fcrdevolle Atmosph\u00e4re auf. Gemeint ist die Handlung in der \u00e4u\u00dferen Betrachtung, also 2. von 3. nicht zu unterscheiden, angenommen wird aber nat\u00fcrliche 3..<\/p>\n<p>Sascha (sein M\u00f6nch-Freund) geht davon aus, da\u00df diese F\u00e4higkeit zur \u00e4u\u00dferen W\u00fcrde (was evt. Eigend\u00fcnkel entspricht!) an materiellen Dingen h\u00e4ngt und ma\u00dfgeblich provoziert wurde durch eine (Hoch-?) Mittelalterliche Sanktion eines Papstes, der die Idee des Fegefeuers einf\u00fchrte &#8211; und damit u.a. den letztendlichen Bruch mit der orthodoxen Kirche bewirkte: Indem dem Menschen mit dem Fegefeuer als universale L\u00e4uterung, eine Garantie gegeben wurde, ins Paradies zu kommen (das nach orthodoxer Vorstellung \u00e4u\u00dferst verschlossen ist und nur von Heiligen erreichbar), sofern er keine Tods\u00fcnden begangen hat, wurde es dem Menschen leichter, seine Demuth in Gottesf\u00fcrchtigkeit abzulegen und ein individuelles Selbstwertgef\u00fchl (Eigend\u00fcnkel) zu entwickeln.<\/p>\n<p>Weitere gro\u00dfe Sch\u00fcbe f\u00fcr die Emanzipation von Gott (aus orthodoxer Sicht: Entfremdung, gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde) gab nat\u00fcrlich die Renaissance (Individualismus, aufkommendes B\u00fcrgertum mit vor allem materiellen Besitzt\u00fcmern als Fundament f\u00fcr Selbstwert), Aufkl\u00e4rung (rationale Selbsterkenntnis, empirisches Weltverst\u00e4ndnis) und die Industrialisierung zur Moderne (Konsum, Massenmaterialismus).<\/p>\n<p>So konnte trotz \u00dcberlebenskampf ein strickt undarwinistisches (w\u00fcrdevolles) Verhalten entstehen, da\u00df Engl\u00e4nder auch w\u00e4hrend einer Schlacht ihren Tee zu sich nehmen l\u00e4\u00dft (s. &#8220;Asterix bei den Briten&#8221;), gerade Schlangen an Bushaltestellen nach sich zieht und das \u00fcberqueren der Stra\u00dfen in Deutschland im Gegensatz zu Ru\u00dfland ohne ernste Verletzungen m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Ein interessanter Gedankengang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=721&amp;preview=true\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die M\u00e4dels waren da und wir haben Villon\/Heine gemacht. 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