{"id":656,"date":"2018-01-30T11:10:23","date_gmt":"2018-01-30T10:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=656"},"modified":"2019-03-16T14:15:39","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:39","slug":"petersburg-25-01-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-25-01-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 25.01.1992: Cruising in der Philharmonie; Geschichten"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend mit Sascha in Philharmonie gewesen. B.M., die die Karten organisiert und mir zum Geburtstag geschenkt hatte, war selbst nicht da. Das Konzert, &#8220;Israel!, oh Israel&#8221;, eigentlich ein Ballett, war seicht und angenehm. A. ging allerdings schon in der Pause. Das lie\u00df mir Zeit, mich ein bi\u00dfchen in die Grazie eines zwei Reihen vor mir platzierten R\u00fcckens zu verlieben. Dieser war mit pr\u00e4chtigen kastanienbraunen Haaren \u00fcberh\u00e4uft, die ein junges Gesicht rahmten, das aus der Dreiviertelproviel R\u00fcckansicht ausgezeichnete Z\u00fcge, ausdrucksstarkes Kinn, volle rote Lippen und gro\u00dfe, dunkle Augen preisgab. Da ich offensichtlich ihr Interesse erregt hatte, bot sie mir des \u00d6fteren ihr Profil &#8211; fr\u00fchreife Jugend von ganz au\u00dfergew\u00f6nlicher Ausformung. Diese wurde aber von einer Mutter in wahrer Heimleiter-Fuhrien Manier im Dickens-Stil bewacht. Alle Bewegungen von der jungen Frucht wurden von diesem Wesen aus einer anderen Zeit geringsch\u00e4tzig und eifers\u00fcchtig beobachtet. Die Mutter, eine Frau in verfallenden\u00a0 F\u00fcnfzigern, mit Nickelbrille und tiefen Falten besonders um die zu oft weit nach unten gezogenen Mundwinkel.<\/p>\n<p>Da alles so gut zusammenging, das Bild eines anderen Jhd&#8217;s sich so einheitlich formte, geriet ich in Versuchung, dieses Spiel mitzuspielen. Ich inszenierte also l\u00fcftbares Geheimnis in der Manier des Casanovas: Da ihre Aufmerksamkeit schon einmal gefesselt war, folgten also leicht verhei\u00dfungsvolle Blicke, immer allerdings mit h\u00f6flich distanzierter K\u00fchle. Nach der Vorstellung ging ich etwas fr\u00fcher, um Jacke mit Stift und Zettel zu organisieren, entschied mich dann aber dummerweise, das Zettelschreiben auf den Weg zur Metro zu verschieben, wohin so ziemlich alles streben w\u00fcrde, weil ich am Ausgang lieber den geheimnisvollen M\u00e4rchenprinzen machen wollte. Ich positionierte mich also f\u00fcr die Hinauskommenden nicht gut einsehbar an einer S\u00e4ule und spielte versunken mit meiner klingenden Silberkugel. Sie sah mich auch tats\u00e4chlich und wir lie\u00dfen bis sie durch die Ausgangst\u00fcr gegangen war, nicht von unseren Augen.<\/p>\n<p>Ich ging hinterher und folgte in einigem Abstand, was sie schnell bemerkte und zum ersten Mal l\u00e4chelten wir uns verzaubert an. Ich \u00fcberholte betont langsam und nah um f\u00fcr sie einsehbar den Zettel zu schreiben. (&#8220;<em>Wy metschta krasota. Ja metschtatel. tel., Jan&#8221; )<\/em><\/p>\n<p>Am Eingang zur Metro wartete ich dann vergebens auf sie um ihr den Zettel ungesehen von ihrem Dragona bei einer Ungeschicklichkeit zuzustecken.<\/p>\n<p>Bedauerlich: Der weitere Verlauf h\u00e4tte mich sehr interessiert.<\/p>\n<p>Nachts kam A. dann noch und wir unterhielten uns vor allem \u00fcber old B.M.. Er, als derjenige, der wohl am st\u00e4rksten von dem Bannschild der unglaublichen Energie seiner Mutter betroffen ist und dessen verkr\u00fcppelte Entwicklung zu Frauen sicherlich auch ohne intellektuellen R\u00fcckgriff auf Freud mit dieser ihn eigenen Angaben zufolge eifers\u00fcchtig liebenden Person (eifers\u00fcchtig vor allem, was die Einflu\u00dfnahme anderer Menschen angeht) urs\u00e4chlich zusammenh\u00e4ngt, hat sich folgendes Schema zurechtgelegt:<\/p>\n<p>Seine Mutter will Energie sparen, f\u00fcr die Beziehungen zu den Menschen, die sie liebt und die ihre Liebe erwidern. Diese Menschen sollen sie aber frei von allen \u00c4u\u00dferlichkeiten, also frei von Eitelkeit, lieben. Um das sicherzustellen, schockt sie Menschen mit einer Absage an alle m\u00f6glichen \u00e4u\u00dferlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, wie z.B. Respekt der k\u00f6rperlichen Intimsph\u00e4re, Manieren, h\u00f6fliche Umgangsformen. Wer damit nicht klarkommt mag gehen, denn er meint nicht sie, sondern sich in seinem Umgang zu ihr.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n und gut, das mag einen Teil erkl\u00e4ren: Ihr verschmitztes L\u00e4cheln, nachdem sie den Arzt schockgek\u00fc\u00dft hatte, die Attacken auf Lili van Denberg m\u00f6gen da hineinpassen, auch ihre Nachl\u00e4ssigkeit was sprachliche Richtigkeit angeht, ihre Manieren. Nicht aber Kind in Elektritschka, Ihre Bekenntnisse mir gegen\u00fcber, die offensichtlich egozentrische Sehnsucht nach K\u00f6rperkontakt ausdr\u00fcckten. Sie schafft sich bei weitem nicht so frei, wie Sascha das sieht. Da sie sich aber weigert, mit ihm \u00fcber ihren Umgang mit Menschen zu sprechen, kann er es vielleicht auch nicht besser wissen. Mir hat sie ja viel erz\u00e4hlt, von dem Sascha keine Ahnung hat.<\/p>\n<p>Jetzt scheint es allerdings so zu sein, da\u00df sie Saschas Umgang mit mir f\u00fcrchtet, nachdem ich ihr erz\u00e4hlt habe, wie schwierig die Zeit mit Sascha f\u00fcr mich mitunter ist &#8211; wie er mich manchmal in die Dunkle H\u00f6hle seines Protektionismus zieht, und wie wenig mir das gef\u00e4llt. Auch hat sie den Kontakt zu mir stark reduziert.<\/p>\n<p>Ich hatte in der Vergangenheit \u00f6fters den Eindruck, da\u00df sie versuchte mich vor allem im Hinblick auf eine k\u00fcnftige heilende Beziehung zu Sascha heranzuziehen. Er ist ihr Gott und sie ist ein sehr eifers\u00fcchtiger Glaubender.<\/p>\n<p>Ich denke, da\u00df Sascha eine langwierige und schmerzliche Emanzipation von seiner Mutter bevorsteht. Marina hat das gleich von der Kindheit an gemacht und wurde damit mit (von B.M. eingestandener) Vernachl\u00e4ssigung und Nichtbeachtung bestraft\/gesegnet.<\/p>\n<p>Lustig war&#8217;s, wie ich im Verlaufe des Gespr\u00e4ches meinte, <em>I do want to have a relationship to your mother <\/em>woraufhin er mit aufgerissenen Augen des Entsetzens erwiderte<em> Well, you can try. <\/em>Die Leute hier haben echt einen Riesenschaden, was k\u00f6rperliche Verh\u00e4ltnisse angeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Geschichten aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen:<\/p>\n<p>Inga erz\u00e4hlte mir, wie sie einst bei der Selbstverst\u00fcmmelung eines italienischen Carabinieri Zuschauer war: Sp\u00e4t nachts vor einer Touristendisco trieben sich einige Beamte in Zivil um. Sie waren unschwer zu erkennen, weil einer der drei, als er den blonden Teutoninnen in seiner N\u00e4he gewahr wurde, den Macho raush\u00e4ngen lie\u00df. Er zog seine Wumme und begann in John Wayne Manier damit herumzuspielen. Nachdem er ein paar bedrohliche Schritte auf die M\u00e4dchen zu getan hatte, steckte er mit Siegermiene seinen Bleichmacher hinten in seinen G\u00fcrtel. In der kurzen Entfernung von wenigen Metern, mu\u00df der losbrechende Knall wohl recht schockierend geklungen haben. Der Bulle sah auch ganz betreten aus und taumelte r\u00fcckw\u00e4rts in die Arme seiner Kumpanen. Diese hielten es f\u00fcr richtig, ihn erst einmal zu strippen, wodurch sein wirklich aufs unsch\u00f6nste zerfetzter Knackarsch sichtbar wurde. Inga sagte, sie h\u00e4tte eine Blutlache solchen Ausma\u00dfes noch nie bestaunt.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0018.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-703\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0018.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0018.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0018-300x200.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0018-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Mittelklasserestaurant im Pariser St. Germain hatten Bernd, Andrea und ich uns gesammelt, um unsere letzten 200DM auf den Kopp zu hauen. Wir waren also gerade mal in der Lage, uns ein Restaurant mit langbedeckten Tischen auch auf dem abendlichen Boulevard auszusuchen.<\/p>\n<p>Der Abend gestaltete sich nett, nur unterhielten sich Bernd und Andrea \u00fcber Gesellschaftsspiele. Ich f\u00fchlte mich demgem\u00e4\u00df berufen, meinen Teil zur Diskussion beizusteuern und artikulierte dieses Bed\u00fcrfnis, just zu einer Zeit, als ihr Gespr\u00e4ch zu dem amerikanischen Gesellschaftsspiel <em>Who&#8217;s got the biggest <\/em>gedriftet war. Ich bat also Andrea, mir unter dem Tisch ihre Hand zu geben. Diese legte ich dann um meinen entbl\u00f6\u00dften Zauberstab, den ich vorausschauend kurz erigiert hatte.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0457_preSSSR.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-704\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0457_preSSSR.jpg\" alt=\"\" width=\"682\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0457_preSSSR.jpg 682w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0457_preSSSR-205x300.jpg 205w\" sizes=\"auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Narbe, die sie beim Zur\u00fcckrei\u00dfen ihres Arms mit den langen, roten Fingern\u00e4geln auf meinem Handr\u00fccken vorbereitete, habe ich heute noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/pertersburg-27-01-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend mit Sascha in Philharmonie gewesen. B.M., die die Karten organisiert und mir zum Geburtstag geschenkt hatte, war selbst nicht da. Das Konzert, &#8220;Israel!, oh Israel&#8221;, eigentlich ein Ballett, war seicht und angenehm. A. ging allerdings schon in der Pause. Das lie\u00df mir Zeit, mich ein bi\u00dfchen in die Grazie eines zwei Reihen vor &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-25-01-1992\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Petersburg, 25.01.1992: Cruising in der Philharmonie; Geschichten&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":699,"parent":587,"menu_order":12,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-656","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/656","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/656\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1793,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/656\/revisions\/1793"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/587"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/699"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}