{"id":645,"date":"2018-01-30T10:05:33","date_gmt":"2018-01-30T09:05:33","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=645"},"modified":"2019-03-16T14:15:39","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:39","slug":"moskau-12-01-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/moskau-12-01-1992\/","title":{"rendered":"Moskau, 12.01.1992: Eindr\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>This morning I found, thinking of Nicky:<\/p>\n<p>A dream within a dream<\/p>\n<p>Es war das erste Gedicht, das ich von Poe aufschlug. Danach griff ich mutig nach einem der drei gefundenen Oscar Wild Ausgaben, schlage es auf &#8211; und finde:<\/p>\n<p>THE BALLAD OF READING GAOL<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Abends<\/p>\n<p>Moscow realy is a tiering city!<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow93.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-688\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow93.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"646\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow93.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow93-300x194.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow93-768x496.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aber ebenso eigenartig sch\u00f6n. Die \u00c4sthetik, mit der man hier angefallen wird ist ebenso aggressiv wie faszinierend. Da Stalin es kaum zulie\u00df, da\u00df eine Mauer \u00e4lteren Datums als 1920 bestehen blieb, gibt es einfach \u00fcberall den grandiosen Gr\u00f6\u00dfenwahn mit einem Hauch von fauligem Atem der sowjetischen Geschmacklosigkeit stalinistischer und chrustschowtscher &#8220;catch up and overtake&#8221; Ideen. Es ist alles sehr r\u00fchrend anzusehen, nur grausam die Vorstellung, das Menschen ihren Alltag in und um diese Manifestationen wahrhaft grausamer &#8211; weil kalter &#8211; Menschen- und Weltbilder gestalten.<\/p>\n<p>Die Stimmung in den Stra\u00dfen und \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, empfinde ich in der Tat als agressiver und k\u00e4lter als in St. Petersburg. Es wird eine Rolle mitspielen, da\u00df der Unterschied zwischen arm und reich, m\u00e4chtig und ohnm\u00e4chtig hier sehr viel sichtbarer ist. Es gibt sehr viele Neureiche hier, und die schaffen sich mitten in der bescheidenen Welt der Massen ihre elit\u00e4ren Enklaven, die sie mit viel M\u00fche bewachen lassen.<\/p>\n<p>Russen, die nicht offensichtlich oder bekannterma\u00dfen zu dieser Hautevolee geh\u00f6ren, werden \u00fcberall diskriminiert: Kein Zugang zu besseren Restaurants, Hotels, Nachtleben, Taxis&#8230; . Ihnen wird der Stempel &#8220;graue Masse&#8221; allerorts aufgewuchtet.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow92-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-689\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow92-3.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"654\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow92-3.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow92-3-300x196.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Moscow92-3-768x502.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wie ertragen die&#8217;s?<\/p>\n<p>Viele, wie Aleksander bemerkte, tr\u00e4umen sich wie die B\u00e4ren durch den Winter. Andere versuchen sich von den unerreichbar reichen Touristen ein kleines St\u00fcck materiellen Prestiges abzuhandeln, was mir mitunter ziemlich auf die Nerven geht (dieses Stra\u00dfenh\u00e4ndlerdasein scheint einfach so \u00fcberhaupt nicht zur russischen Kultur dazuzugeh\u00f6ren, da\u00df es auf mich erniedrigend wirkt). Besonders die Jugend scheint nicht zu sehen, da\u00df wirtschaftlicher Aufschwung, neben vielen anderen Gesichtspunkten, auch ma\u00dfgeblich mit von arbeitswilligen Menschen abh\u00e4ngt. Da eine ordin\u00e4re Arbeitswilligkeit hier aber momentan noch gar nicht mit finanziellen Vorteilen verbunden ist, Lebensk\u00fcnstlern Viele hier so rum. Es ist ja auch nur schwer einzusehen, einem &#8220;gesellschaftsf\u00f6rderlichem&#8221; Job f\u00fcr ca. 500 Rubel oder weniger nachzugehenm, wenn man an einem Wochenende in Polen, beim Verkauf sowjetischer Defizit-Produkte 5000 R. oder mehr machen kann. Ohne einen kaufkr\u00e4ftigen Absatzmarkt hier im Lande, scheint die Situation ausweglos. Inflation, Arbeitslosigkeit und Ausverkauf der russischen Produkte sind in vollem Gange. Und das Geld, das die Kleinspekulanten und Schmuggler machen, wandert zumeist wieder ins Ausland, weil es f\u00fcr Reisen und West-Produkte ausgegeben wird.<\/p>\n<p>Die Leute mit normalen Berufen haben die schlechtesten Karten: Auch jetzt wohne ich in der verlassenen Wohnung einer Intiligenzia-Familie, die teilweise nach Israel ausgewandert ist. Das Zimmer starkt von Dreck und B\u00fcchern. Es wird von dem Vater der Ausgewanderten, einem Physiker f\u00fcr theoret. Ph., noch als Arbeitswohnung genutzt, weil in seiner Wohnung \u00fcberhaupt kein Platz zum konzentriert arbeiten ist.<\/p>\n<p>Was mir besonders fremd aufst\u00f6\u00dft, ist die Verachtung und Geringsch\u00e4tzung mit der die Normalverdiener hier behandelt werden. Es scheint \u00fcberhaupt keine Solidarit\u00e4t unter diesen im selben Boot sitzenden Menschen zu geben; zumindest in der \u00d6ffentlichkeit nicht. <em>The ordinary\u00a0are looked upon &#8211; and are looking at each other &#8211; as if they have a contagious disease.<\/em><\/p>\n<p>In anderen armen L\u00e4ndern, wie Zypern oder S\u00fcditalien, ist das Umgangsverh\u00e4ltnis untereinander ein solidarischeres.<\/p>\n<p>Diese Beobachtungen gelten nur f\u00fcr die das Stra\u00dfenbild in den Tourismuszentren pr\u00e4genden H\u00e4ndler, sowie die in \u00f6ffentlichen Machtpositionen sitzenden Spie\u00dfer (Hotels, Taxi&#8230;).<\/p>\n<p>Ausnahmen hierzu habe ich selbstredend t\u00e4glich gesehen und einige auch kennengelernt:<\/p>\n<p>&#8211; gestern verloren Sascha und ich einander irgendwo beim Arbat und so tollte ich nicht ungl\u00fccklich vom Berufspessimismus meines treuen Weggef\u00e4hrten f\u00fcr eine Weile befreit zu sein, alleine durch die Stra\u00dfen. In einem beim letzten Besuch in Moskau noch als herausragend angenehm empfundenen Caf\u00e8, das hart nachgelassen hatte, nahm ich etwas Zuckergeb\u00e4ck und Tee zu mir, als ein Clochard eintrat.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-687\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-7.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"673\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-7.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-7-300x202.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-7-768x517.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein gro\u00dfgewachsener, schlanker Mann, mit einem langen Armeemantel vor der K\u00e4lte gesch\u00fctzt, dessen feine Gesichtsz\u00fcge ein gepflegter Bart umgab. Seine Sch\u00f6nheit viel mir sofort auf und ich hatte das Bed\u00fcrfnis ihn kennenzulernen. Sein Auftreten war mir besonders angenehm, durch eine ganz eigenwillige Schamhaftigkeit, eine ganz besondere Zur\u00fcckhaltung und Bescheidenheit, die Penner auf dem Arbat sonst nicht die Spur ausmacht. Ich empfand ihn wohl besonders deshalb als sehr stolz und edel. So bettelte er auch nicht und nahm auch mit niemandem bittenden Blickkontakt auf, als er etwas Abseits von der Kasse seine M\u00fcnzen z\u00e4hlte. Mit wohl leichter Schamr\u00f6te im Gesicht trat ich so diskret ich konnte auf ihn zu und fragte, ob ich ihn nicht einladen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Er freute sich offen und gar nicht unterw\u00fcrfig und willigte ein. Ich gab ihm 25 Rubel, ging zur\u00fcck an meinen Tisch und hoffte, da\u00df er sich zu mir gesellen w\u00fcrde. Das tat er zun\u00e4chst nicht, sondern ging, nachdem er mir noch einmal dankend zugenickt hatte, mit seinem Essen an einen anderen Tisch, lie\u00df mir also die M\u00f6glichkeit ihn zu ignorieren.<\/p>\n<p>Das tat ich nat\u00fcrlich nicht und so kam er auf ein Schw\u00e4tzchen zu mir. Leider hatte er einen leichten Stotter und sprach sehr leise, so da\u00df ich nur wenig verstand. Was ich verstand war, da\u00df er einst Schauspieler war und jetzt auf dem Arbat lebte. Au\u00dferdem wollte allerlei seltsame Dinge von mir wissen und baute aus meinen Antworten einen unleserlichen Brief zusammen.<\/p>\n<p>Wir trennten uns mit der Aussicht uns auf dem Arbat noch einmal wiederzusehen.<\/p>\n<p>&#8211; Auf dem Weg zur\u00fcck zu meiner Wohnung fragte ich einen j\u00fcngeren Mann nach dem Weg. Er h\u00fcllte sich erst eine Weile in verhei\u00dfungsvolles Schweigen, kostete den Blickkontakt aus und verriet mir dann, da\u00df er mich f\u00fchren w\u00fcrde. Wir trafen auf dem Weg noch einen Freund von ihm. Da sich die Konversation freundlich und leicht gestaltete, ging ich noch auf einen Tschaj und etwas <em>uschin<\/em> mit zu ihm nach Hause. Die Wohnung, in der er alleine wohnte, war geschmackvoll eingerichtet &#8211; er legt offensichtlich Wert auf Stil.<\/p>\n<p>Sein Freund war im Gegensatz zu seiner eher stillen und subtilen Art, verbindlich freundlich zu sein, laut und deutlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr morgen Abend lud er mich und Sascha ein, das orthodoxe Neujahr mit ihm und ein paar Freunden zu feiern. Er wies mich darauf hin, das es ein M\u00e4nnerabend sein w\u00fcrde&#8230; . Wer wei\u00df hier schon, was das hei\u00dfen mag.<\/p>\n<p>&#8211; Heute dann noch einen Radioingenieur kennengelernt, der mir beim Kauf eines Kaffees im staatlichen Stehrestaurant\u00a0 behilflich war (die Kassiererinnen sind meist so unfreundlich, da\u00df ein Ausl\u00e4nder mit schlechten Russischkenntnissen kaum eine Chance hat, sich durchzusetzen). Er wird mir, sofern ich hier \u00fcber meine Kreditkarten an Valuta rankomme, 100 DM zu fairem Umtauschkurs wechseln. Im Moment bin ich arm wie ein unterprivilegierter Russe.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt in der Metro mir pl\u00f6tzlich vorgestellt, da\u00df Bernd mir erz\u00e4hle, Fee sei vergewaltigt worden. Irgendwie erfa\u00dfte mich die Phantasie so, da\u00df mir mehrmals Tr\u00e4nen in die Augen traten. Es fiel mir schwer, mich selbst vom T\u00e4ter zu trennen.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-20-01-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>This morning I found, thinking of Nicky: A dream within a dream Es war das erste Gedicht, das ich von Poe aufschlug. 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