{"id":637,"date":"2018-01-30T09:02:36","date_gmt":"2018-01-30T08:02:36","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=637"},"modified":"2019-10-07T10:30:58","modified_gmt":"2019-10-07T08:30:58","slug":"petersburg-07-01-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-07-01-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 07.01.1992: Trampgeschichten &#038; Moskau Putsch"},"content":{"rendered":"<p>Im R\u00fcckblick fliegt sogar die von Krankheit tr\u00e4ge Zeit mit seichtem Husch! vorbei.<\/p>\n<p>Meine Gedanken durch die Vergangenheit schw\u00e4rmen lassen, kamen mir noch ein paar Geschichten in den Sinn. Ich kann mich nicht erinnern jemals so sorgsam an die eigene Vergangenheit gedacht zu haben. Gew\u00f6hnlich nimmt mich zu Gl\u00fcck die Gegenwart gen\u00fcgend ein, mir diese Grabgr\u00e4bert\u00e4tigkeiten zu ersparen.<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren trampte ich nach Mailand. Ich erwischte durch eigene Unaufmerksamkeit die falsche Autobahn (Richtung Frankfurt) und konnte mir so meine Hoffnung, inerhalb eines Tages anzukommen, schenken.<\/p>\n<p>Auf einer Rastst\u00e4tte hinter Frankfurt hatte ich zudem auch noch wenig Gl\u00fcck und wartete schon ann\u00e4hernd eine Stunde, als ein Kleinwagen rasant vor einer Tanks\u00e4ule hielt und die aussteigende Frau mittleren Alters mich heranwinkte. Da sie alleine unterwegs war, ging ich nicht davon aus, da\u00df sie mich mitnehmen wollte und ging erst einmal ohne meinen Rucksack zu ihr hin. Sie unterbrach meinen laxen Schlendrian noch bevor ich sie ganz in den Bannkreis meiner Pers\u00f6nlichkeit bringen konnte, indem sie mich aufforderte, ihren Tank vollzumachen und die Scheiben zu putzen. Da mir auch damals schon ein gewisses Wirkungsbewu\u00dftsein zurecht nachgesagt wurde und ohnehin nichts Besseres zu tun anstand, spielte ich bereitwillig und leicht am\u00fcsiert den Tankwart auf der SB-Tanke f\u00fcr die leicht verwirrt erscheinende Dame.<\/p>\n<p>Als ich fertig war und sie bezahlen wollte, verwies ich sie h\u00f6flich auf die Kasse gegen\u00fcber und kl\u00e4rte sie \u00fcber mein kl\u00e4gliches Tramperschicksal auf. Sie hatte soweit Vertrauen gesch\u00f6pft, da\u00df sie mich wohl nicht nur aus Verlegenheit mitnahm.<\/p>\n<p>Als sie vom Bezahlen zur\u00fcckkahm, hatte ich etwas Zeit, meine Chauffeurin n\u00e4her zu betrachten: Eine drahtige Frau zwischen 30 und 40, schwer zu sagen, nicht unattraktiv, mit einem offensichtlich verwirrtem Gesicht, aus dem gehetzte Augen funkelten. Da ich meine letzte Fahrt nach Mailand mit einem psychopathischen Nervenwrack begonnen hatte, die mit 35 ihren ersten <em>run-away-trip<\/em> im Mercedes des Vaters unternahm, war ich ob dieser Beobachtungen etwas vorsichtig in meinem Betragen.<\/p>\n<p>Wie wir die Rollen verteilten, und auf welche Weise sie den Bericht \u00fcber die Abgr\u00fcnde ihrer gegenw\u00e4rtigen Lage einleitete, wei\u00df ich nicht mehr zu sagen. Auf jeden Fall erz\u00e4hlte sie mir sehr bald sehr antuend von den Dingen, \u00fcber die sie zu der Zeit tats\u00e4chlich etwas zu sagen hatte: Sie war Anfang Vierzig, wie sich herausstellte, und fand ihr Leben an einen tr\u00e4gen Mann verschwendet, den sie zwar sehr mochte, der sie aber z\u00e4h durch konventionelle Rollenvorstellungen an jeglichem Vorw\u00e4rtskommen hinderte. Sie hatte unl\u00e4ngst den Versuch unternommen, sich mit ihren gemeinsamen drei kleinen Kindern von ihm zu trennen und sich in Rotenburg\/W\u00fcmme als Tanzlehrerin selbstst\u00e4ndig zu machen. Da das aber mit gro\u00dfen materiellen wie emotionalen Schwierigkeiten und R\u00fcckschl\u00e4gen verbunden war, war sie mit der Zeit auf die flehentlichen Bittgesuche ihres Mannes hin weich geworden, und befand sich nun, just da ich in ihr Leben trat, auf dem Weg zu einem ersten Wiedertreffen mit ihrem Mann.<\/p>\n<p>G\u00e4ngige Geschichte einer kreativen Frau ihres Alters also, allerdings so anr\u00fchrend verzweifelt vorgetragen, da\u00df ich mich in der Lage fand, Anteil zu nehmen.<\/p>\n<p>Wie konnte ich reagieren? Sie nervte mich weder, noch langweilte sie mich, sondern sie ber\u00fchrte mich mit ihrer blo\u00dfstellenden Einweihung. Ich fand ich schuldete ihr zumindest Authentizit\u00e4t. Was anderes kann man denn zur\u00fcckgeben als sich selbst, wenn ein Fremder von sich selbst gibt? Sich als objektiver Ma\u00dfhalter in eine Situation von au\u00dfen hineinfinden, ist ja bei guten Bekannten schon meist ein heuchlerisch schwieriges Unterfangen.<\/p>\n<p>Nur &#8211; wie gibt man sich? Ihr von dem Beziehungsverst\u00e4ndni\u00df eines 18j\u00e4hrigen zu erz\u00e4hlen, der J\u00fcngling war und noch mit keiner Frau auch nur irgendeine Beziehung in einer Art eingegangen war, die vergleichbar gewesen w\u00e4re mit der, unter der diese seltsame Gef\u00e4hrtin litt, erschien mir sogar damals, als ich noch glaubte soviel zu wissen, etwas suspekt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst dr\u00fcckte ich ihr, soviel ich mich erinnere, eben das aus. Und danach gab ihr sich selbst in meiner Reflektion. Ich fa\u00dfte mein Eingenommen sein in Worte. Das war nicht viel, denn es gab kaum etwas zu sagen, aber sie nahm es sehr ernst.<\/p>\n<p>Es war schon dunkel geworden, als wir an der letzten Rastst\u00e4tte vor ihrer schicksalhaften Ausfahrt anhielten, um noch einen Kaffee gemeinsam zu trinken und uns dann zu verabschieden.<\/p>\n<p>Den Kaffee fand sie zu schnell getrunken und so sie bat mich, noch einen Spaziergang durch die abendliche Feldmark mit ihr zu machen. Ich willigte ein.<\/p>\n<p>Wir sprachen wenig, und das sehr leise und langsam. Auf dem H\u00f6hepunkt unserer gro\u00dfen Zuneigung suchten wir k\u00f6rperliche N\u00e4he beieinander. Wir umfa\u00dften einander fest, ich nahm sie auf und wir k\u00fc\u00dften uns z\u00e4rtlich und lang. Danach gingen wir stumm zum Auto zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bevor sie einstieg, fragte sie mich, ob ich ein Engel sei. Meinem erstaunten Gesicht zufolge, verwies sie mich auf den Film &#8220;Der Himmel \u00fcber Berlin&#8221;, den ich damals noch nicht kannte, und fuhr.<\/p>\n<p>Ich habe sie einige Jahre sp\u00e4ter in Rotenburg noch einmal wiedergesehen. Sie lebte zusammen mit ihren Kindern und einem jungen Mann, den sie in ihrer Tanzschule kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Im Anschlu\u00df an dieses Erlebnis bekam ich noch wider Erwarten eine Mitfahrgelegenheit mit einem sp\u00e4t zu seiner Familie heimkehrenden Gesch\u00e4ftsmann. Er wollte 70 km vor M\u00fcnchen abfahren und mich vorher auf einer Rastst\u00e4tte rauslassen. Da ich eine kalte Nacht (es war Herbst) auf einem Rastplatz vor mir hatte, gew\u00e4hrte ich mir dummer Weise ein Nickerchen. Mit dem strahlenden G\u00f6nnerblick weckte mich mein freundlicher Fahrer und er\u00f6ffnete mir, das er mich noch eben nach M\u00fcnchen gefahren h\u00e4tte. Nun ist M\u00fcnchen ein Moloch f\u00fcr Tramper sogar tags\u00fcber, aus dem man nur mit M\u00fche und gro\u00dfem Zeitaufwand wieder herausfindet. Er war allerdings schon abgefahren, als ich mit schrecken feststellte, wo in M\u00fcnchen er mich abgesetzt hatte: Irgendein abgeschiedener Parkplatz in den Vororten. Zwar gab es in der N\u00e4he eine U-Bahn, nur hatte die den Verkehr schon seit 1.00 eingestellt. Ich hing also ohne irgendeine Unterstellm\u00f6glichkeit dran, als es sanft anfing zu regnen.<\/p>\n<p>Dieses Geschenk Thors sah ich allerdings bevor ich es sp\u00fcrte in den Scheinwerfern eines einsamen VW-Busses, der auf den Parkplatz gerollt kam. Ich ging also hin, ein hagerer, verlebt aussehender Mann sa\u00df am Steuer, eine h\u00fcbsche junge Marokkanerin neben ihm, und fragte freudig, ob sie heute Nacht noch aus dieser W\u00fcste fortf\u00fchren in belebtere Gegenden, was sie zu meinem Erstaunen eher barsch verneinten. Ich ging zur\u00fcck zu meiner Bank und harrte der Dinge, die auch kamen: Ich war noch nicht g\u00e4nzlich durchn\u00e4\u00dft, als eine gro\u00dfe, schwarze Limousine vorfuhr, mit laufendem Motor anhielt, ein H\u00fcne den Beifahrersitz freigab um die hintere Wagent\u00fcr zu \u00f6ffnen, aus der ein gedrungener, dunkel bekleideter Herr ausstieg und zum VW-Bus ging. Nach k\u00fcrzester Zeit war der Deal gemacht und die Limousine fuhr ab, ohne da\u00df mir irgendjemand die Kehle durchschnitten h\u00e4tte. Dar\u00fcber freute ich mich als erstes. Die zweite Freude bereitete mir das schmierige Langhaar, indem er zu mir kam und mich fragte, wohin ich eigentlich wolle. Ich sagte Mailand und er antwortete, da\u00df ich, sofern ich kein Rauschgift bei mir h\u00e4tte, mitfahren k\u00f6nne, denn dies sei zuf\u00e4llig auch seine Bestimmung.<\/p>\n<p>Wir fuhren noch bis in die Schweiz, wo seiner Meinung nach die Grenzkontrollen nicht so harsch waren, und \u00fcbernachteten dort in dem Camping-mobil. Ich hatte auf dieser kurzen Wegstrecke schon in Erfahrung gebracht, da\u00df er seinen zweifelhaften Angaben zufolge, nicht mehr mit Rauschgift deale, sondern nur noch mit Frauen. Konsequenter Weise bot er mir dann auch seine Frau an, mit der einleitenden Bemerkung, da\u00df sie nie Unterw\u00e4sche tr\u00fcge und man ihn demzufolge einfach &#8220;reinknallen k\u00f6nnte&#8221; (w\u00f6rtl.:&#8221;Schiebst den Rock hoch und knallst ihn rein&#8221;). Dieses Feindbild wird meinem Fahrer allerdings nicht gerecht: Er war ein netter Kerl, der gerne aufschnitt und sich offensichtlich mit zugegeben vielen Mitteln von ganz unten hochgeboxt hatte. Auch dieses <em>tripal-<\/em>Angebot ging allem Anschein und seinen Aussagen nach von der Frau aus, die einen Narren an mir gefressen hatte und ihn in meiner unbeteiligten Anwesenheit dann auch nicht beilie\u00df, was ihn etwas verdro\u00df.<\/p>\n<p>In Mailand kam ich dann am n\u00e4chsten Morgen wohl eingestimmt an, um meine <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/aufzeichnungen-1985-1990\/mailand-1987-italientramptouren-1986-1988-kleine-reisen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Szenen-Zeit mit Lisa<\/a> zu verbringen. Ihren Tagebuchaufzeichnungen zufolge fand ich unbescheidene <u>sechs<\/u> Ausfl\u00fcchte als Erkl\u00e4rungen, warum ich nicht mit ihr schlief (Jungm\u00e4nnlichkeit, Pr\u00e4ser, Aids, Celia, B\u00e4ndchen, ?).<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0100-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-678\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0100-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0100-2.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0100-2-300x200.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG0100-2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Mein erstes Mal in Moskau kam es am Montag des Putsches zu einer f\u00fcr mich bemerkenswerten Begebenheit.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0006.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-680\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0006.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"657\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0006.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0006-300x197.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0006-768x505.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noch nichts von den politischen Geschehnissen wissend, fuhren Aleksander und ich in die Innenstadt, um der Familie eines Bekannten von Maria ein Paket zu \u00fcberbringen und ein paar Telefonate von der Hauptpost aus auszuf\u00fchren. Die Wohnung der Familie lag, wie die Post, ganz in der N\u00e4he des Roten Platzes und so bekamen wir noch bevor wir zu der Familie kamen, eine Idee davon, da\u00df etwas passiert war: Eine kleine pro-russische Demonstration hatte sich in der Stra\u00dfe vor der Post versammelt und die Zufahrten zum Roten Platz waren mit Bussen versperrt.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-713\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0001.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"661\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0001.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0001-300x198.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0001-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es war halb elf Uhr Morgens und die Telefonate waren erst f\u00fcr 12.00 bestellt, demgem\u00e4\u00df hatten wir noch Zeit, das Paket abzugeben. Als wir zur Wohnung kamen, die in einem der privilegiertesten Viertel Moskaus liegt, direkt neben der holl\u00e4ndischen und japanischen Botschaft, \u00f6ffnete uns eine auf den ersten Blick Gro\u00dfartigkeit verhei\u00dfende Frau in den F\u00fcnfzigern. Im Hintergrund schaw\u00e4nzelte ein heulender junger Mann herum.<\/p>\n<p>Die Frau lie\u00df uns ein und erz\u00e4hlte gefa\u00dft aber offensichtlich tief bewegt von den Ereignissen. Sascha wurde es etwas mulmig, weil er weder Pa\u00df noch Visa dabei hatte, ich war sehr angenehm aufgeregt. Wir lie\u00dfen unsere Sachen da und gingen zur\u00fcck in Richtung Roten Platz, um zu sehen, war sich zutrug. Auf halben Weg fiel mir auf, da\u00df ich meine Photoausr\u00fcstung vergessen hatte, und so eilte ich, w\u00e4hrend Aleksander irgendwo anstand, um H\u00e4hnchen zum Fr\u00fchst\u00fcck zu organisieren, zur\u00fcck zur Wohnung. Die Frau, eine K\u00fcnstlerin aus alter Intelligenzija-Tradition, wie wir herausgefunden hatten, \u00f6ffnete wieder und ich erkl\u00e4rte mein Anliegen. Irgendeinem mysteri\u00f6sen Einverst\u00e4ndnis folgend, nahmen wir uns, nachdem wir einander eine Weile stumm angesehen hatten, in die Arme und k\u00fc\u00dften uns zart auf die Lippen. Es war da keinerlei Peinlichkeit, als ich darauf meine Kamera griff und ging, nur das Bedauern dar\u00fcber, diese berauschend sch\u00f6ne Frau schon verlassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nachdem der Tag dann mit einem Bad im russischen Fatalismus vor\u00fcbergebracht war, mit den Ausnahmen des Fleckenweise in die \u00d6ffentlichkeit brechenden russischen Nationalismus (auf Seiten der Putschgegner!), gingen A. und ich der Einladung besagter Intelligenzija-Familie nach, mit ihnen zu Abend zu essen. Ich lernte dort dann den Mann zur Frau kennen, ein Wirtschaftswissenschaftler spezialisiert auf Kapitalismus, mit permanentem Ausreise-verbot, der mit einer k\u00f6rperlichen Verkr\u00fcppelung zu k\u00e4mpfen hat. Dieser wies mich auch darauf hin, da\u00df es beim derzeitigen und zuk\u00fcnftigen Machtkampf im Kreml, um eine Auseinandersetzung zwischen Ru\u00dfland und der Sowjetunion gehen werde. Er hielt eine lockere Konf\u00f6deration zwischen Staaten der UdSSR f\u00fcr ratsam, genauso wie er es f\u00fcr unabdingbar ausgab, da\u00df auch Ru\u00dfland in eine F\u00f6deration umgewandelt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ein irritierender Kontrast zu all seiner Selbstsicherheit im Denkbaren, war sein Sturz im Wohnzimmer: Diesen gro\u00dfen Geist im hilflos am Boden liegenden K\u00f6rper gefangen zu sehen, unf\u00e4hig ohne meine Hilfe aufzustehen, einhergehend mit seiner anschlie\u00dfenden Unf\u00e4higkeit mit seiner Scham umzugehen, waren f\u00fcr mich bedr\u00fcckend.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0009.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-681\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0009.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"672\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0009.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0009-300x202.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_Unbekannt_Geo-Russ_1992-94_0009-768x516.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nach Moskau vor allem deshalb so bald zur\u00fcckfahren, um diese Familie wiederzusehen. Sie waren bisher die Einzigen, die ich ausdr\u00fccklich zu mir nach Deutschland einlud.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=643&amp;preview=true\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im R\u00fcckblick fliegt sogar die von Krankheit tr\u00e4ge Zeit mit seichtem Husch! vorbei. Meine Gedanken durch die Vergangenheit schw\u00e4rmen lassen, kamen mir noch ein paar Geschichten in den Sinn. Ich kann mich nicht erinnern jemals so sorgsam an die eigene Vergangenheit gedacht zu haben. 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