{"id":5768,"date":"2019-02-13T22:35:16","date_gmt":"2019-02-13T21:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=5768"},"modified":"2019-10-07T18:51:47","modified_gmt":"2019-10-07T16:51:47","slug":"eriwan-sonntag-12-marz-2000","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/osze-2000\/eriwan-sonntag-12-marz-2000\/","title":{"rendered":"Eriwan, Sonntag, 12. M\u00e4rz 2000"},"content":{"rendered":"\n<p>Armenien wurde privatisiert. Vartan, Direktor einer gr\u00f6\u00dferen Backfabrik mit neuem Maschinenpark bekam, wie alle Fabriken des Landes, die Direktive vom Ministerium, Produktionsmittel, die noch nicht abgeschrieben waren aber der Abschreibung obliegen, unverz\u00fcglich abzuschreiben. Die Abschreibung mu\u00df rechtens von den jeweiligen Kontrollkommissionen (eg. Gai im Falle von Autos, Kontrollen des entsprechenden Ministeriums) abgesegnet werden. Vartan stellte eine halbwegs realistische Liste zusammen (ca. 5% des Maschinenparks). Als er diese Liste im Ministerium vorlegte, war man \u00fcberhaupt nicht zufrieden. Die Logik dieser Ma\u00dfname ist im Lichte der ein Jahr sp\u00e4ter folgenden Vaucherprivatisierung zu sehen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>der\nFabrikdirektor schreibt hochwertige, neue Ger\u00e4te ab und verkauft sie offiziell\nzu Nominalpreisen (z.B. an seine Arbeiter). Der tats\u00e4chliche Verkaufspreis ist\ndoppelt so hoch wie der Nominalpreis und erheblich niedriger als der tats\u00e4chlich\nWert des Ger\u00e4ts (nach diesem Muster meist Autos). <\/li><li>Um\ndiese originelle, von oben angeordnete Form der Abschreibung durchziehen zu\nk\u00f6nnen, m\u00fcssen die staatlichen Kontrollen, die dem anordnenden Ministerium\nunterstehen, bestochen werden. Diese Bestechungsgelder werden nach oben\numverteilt.<\/li><li>Als\nein knappes Jahr sp\u00e4ter die Vaucherprivatisierung umgesetzt wurde hatten die zu\nprivatisierenden Fabriken a) tats\u00e4chlich an Wert verloren, da Teile des\nMaschinenparks zu Spottpreisen verkauft worden war, und b) entscheidender, an\nNominalwert entscheidend eingeb\u00fc\u00dft. Die Wertpapiere, die als Gegenwert an das\nVolk ausgegeben wurden (40% an die jeweilige Belegschaft), waren also nur einen\nBruchteil des eigentlichen Bestandes wert. Die Politpatrone kauften also die\nWertpapiere auf und kamen in den Privatbesitz der Fabriken. Die wenigen, die\nauch ohne gro\u00dfe M\u00fche Gewinn abwerfen w\u00fcrden (Brandy, Zement&#8230;) wurden\nbeibehalten, die anderen \u2013 wie Vartans Brotfabrik \u2013 demontiert. Die Profis des\nB\u00fcrgerkriegs, die das Eigentum der vertriebenen Aseris bis auf die Grundmauern\ngepl\u00fcndert hatten (und selbst Baumaterial heute noch in LKW Ladungen in den\nIran fahren \u2013 neue Tr\u00fcmmerfrauen), waren Experten in der Kunst der Demontage.\nAu\u00dferdem bestanden schon Vertriebsnetzwerke ins n\u00e4here Ausland.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Der Chef Vartans in Elektroinstallationsupravlenie sa\u00df 25 Jahre f\u00fcr\neinen Mord, den er als Student begangen hatte. Er verlie\u00df das Straflager als\nDieb im Gesetze. Heute besitzt der 80j\u00e4hrige eine B\u00e4ckerei in Moskau.<\/p>\n\n\n\n<p>Vazgen Sarkissian war auch leidenschaftlich damit besch\u00e4ftigt,\n\u201efreiwillige\u201c Spendengelder f\u00fcr die Armee einzutreiben, auch nachdem er\nPremierminister geworden war. Ein Freund Vartans arbeitete f\u00fcr eine Firma, die\nBuntmetalle exportierte, ohne den Poltipatronen zu geh\u00f6ren. Vazgen rief den\nDirektor zu sich und erkl\u00e4rte, welche Summen er gerne regelm\u00e4\u00dfig gespendet\nsehen w\u00fcrde. Der Direktor erkl\u00e4rte sich einverstanden. Kurze Zeit sp\u00e4ter wurden\n150 Tonnen Buntmetall an einen vertrauten Abnehmer nach Holland geschickt. Das\nGeld kam nicht. Der Abnehmer erkl\u00e4rte, er habe das Geld wie vereinbart auf ein\nMoskauer Konto gezahlt und faxte die Belege. Die Bank erkl\u00e4rte, sie habe das\nGeld nicht bekommen. W\u00e4hrend ein internationaler Rechtsstreit seinen Anfang\nnahm war Vazgen nicht geduldig. Er orderte den Direktor w\u00f6chentlich in sein\nKabinet und schlug ihn eigenh\u00e4ndig zusammen (Vazgen ist ausgebildeter\nSportlehrer), da dieser die Spenden nicht zahlen konnte. Der Freund Vartans\n(Manager) floh das Land. Die Firma mu\u00dfte Konkurs anmelden und das Gesch\u00e4ft\nwurde von den Politpatrons einverleibt. Der holl\u00e4ndische Partner lebt\nmittlerweile nicht mehr und es konnte nicht gekl\u00e4rt werden, wer das\nnachweislich \u00fcberwiesene Geld tats\u00e4chlich erhalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vartan ist felsenfest der Auffassung, da\u00df es immer noch sehr ungesund\nist, sich mit gewinnbringenden Investitionen in Ar abzugeben. Angebote dieser\nArt (von westlichen Gesch\u00e4ftsleuten und Politpatronen) lehnt er h\u00f6flich ab.\nVgl. Argumentation und Verhalten Kirims.<\/p>\n\n\n\n<p>Brief an Stefan Bitterle, 05.06.2000, NK<\/p>\n\n\n\n<p><em>na ja, ungef\u00e4hr so:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>ich langweile mich hier gerade bestialisch. w\u00fcrde mich gene einmal auskotzen. inna hat aber kein e-mail und leute, die mich in der region interessieren sind entweder kompetent oder meinen, da\u00df sie schwanger werden, wenn sie mit mir auf dem selben sofa sitzen oder auch beides. Uaaaahhhh. Au\u00dferdem ist da noch der CCC (Closet Case Club) Yerevan, der so ansatzweise karnevalesierbar war, mir aber mitlerweile mit dem &#8220;ich bin nicht schwul, ey, echt nicht, aber stimmt es, da\u00df man in Holland mit operativ erweitertem Anus Asyl bekommt?&#8221; Gekwatsche auf den Nerv geht. Au\u00dferdem laden die mich st\u00e4ndig zu irgendwelchen Parties ein, auf denen nur ein Alibiweibchen anwesend ist. Jungs aushalten ist auch nur so lange lustig, bis der halbrussische alkoholkranke S\u00e4nger der Punkband (hit: tanki,tanki,tanki,tanki, skoro v gorod vkhodit punki \/ er hat in Abkhasien gedient) dich fragt, w\u00e4hrend du dich bem\u00fchst, den Kopf der minderj\u00e4hrigen, in den mitlerweile fl\u00fcchtigen Big Man Vano verliebten Bassistin einer anderen Punkband, die sich &#8220;Inzest&#8221; nennt und ganz h\u00fcbsch gr\u00f6hlt, aus der Ba\u00dfr\u00f6hre des Lautsprechers zu befreihen, in den sie ihn spa\u00dfeshalber und mit gebrochenem Herzen reingeschoben hatte, [jetzt kommt der Hauptsatz ins Finale] ob dein Freund mit dem durchgeschwitzten wei\u00dfen Hemd schwul sei, weil er ihn immer so fest umarmen w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>All diese netten Sachen mu\u00df ich nebenher machen, da mich mein Chef zum Privatsekret\u00e4r auserkoren hat und ich jetzt auch die Liebesbriefe f\u00fcr ihn schreibe. Auf Polnisch. Herrgottsakrament ich kann kein Polnisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, wenn mir der Kopf nicht so sehr schmerzen w\u00fcrde, es nicht so schw\u00fcl w\u00e4re, ich nicht dazu verdammt w\u00e4re hier am Computer bl\u00f6de Berichte zu schreiben und ich wenigstens einen freien Geist in reichweite w\u00fc\u00dfte, dann ginge es mir ganz hervorragend. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>So, jetzt m\u00fcssen die Jungs und M\u00e4dchen, die das \u00fcbersetzen wollen, sich mal so richtig anstrengen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Klebrige Umarmung aus dem schw\u00fclen NK<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>jk<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8211;Original Message&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>From: Stefan Bitterle [<a href=\"mailto:stefan.bitterle@gmx.net\">mailto:stefan.bitterle@gmx.net<\/a>]<\/p>\n\n\n\n<p>Sent: Montag, 5. Juni 2000 16:14<\/p>\n\n\n\n<p>To: Jan Koehler Berlin<\/p>\n\n\n\n<p>Subject: RE: guck mal da<\/p>\n\n\n\n<p><em>kann ich noch irgendwas f\u00fcr dich tun, schatz? minidisks? cds? penetracion?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>kuss<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>stefan<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/osze-2000\/baku-freitag-21-juli-2000\/\">next<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/osze-2000\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armenien wurde privatisiert. Vartan, Direktor einer gr\u00f6\u00dferen Backfabrik mit neuem Maschinenpark bekam, wie alle Fabriken des Landes, die Direktive vom Ministerium, Produktionsmittel, die noch nicht abgeschrieben waren aber der Abschreibung obliegen, unverz\u00fcglich abzuschreiben. Die Abschreibung mu\u00df rechtens von den jeweiligen Kontrollkommissionen (eg. 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