{"id":5712,"date":"2019-02-12T22:51:44","date_gmt":"2019-02-12T21:51:44","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=5712"},"modified":"2019-10-07T18:41:42","modified_gmt":"2019-10-07T16:41:42","slug":"30-april-1996","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/georgien-marz-april-1996\/30-april-1996\/","title":{"rendered":"30. April 1996"},"content":{"rendered":"\n<p>Minderjahn\nwar mit Karl-Heinz S\u00f6hngen f\u00fcr drei Tage und f\u00fcnf N\u00e4chte da. Der Lebensk\u00fcnstler\nS\u00f6hngen f\u00fchrt ein joking relationship mit old Jo. Jo benahm sich jovial und\ngut. Aus anthropologischer Sicht war vor allem das Abschiedsessen bei Nana und\nGela interessant:<\/p>\n\n\n\n<p>Gela deutete\nauf der Heimfahrt an, da\u00df formalere Kleidung ange\u00adsagt sei, weil er G\u00e4ste\neingeladen hatte. Vor Ort stellte sich dann heraus, da\u00df wohl Otar Japaridse und\ndie bekloppte Deutsch\u00adlehrerin von Gela und Nana gemeint war (obwohl noch zwei\nGedecke mehr aufgetischt waren). Ich wurde Gela gegen\u00fcber am Kopfende des\nTisches platziert. Gela legte ein f\u00fcr ihn v\u00f6llig ungew\u00f6hnli\u00adches Toastempo vor,\nwas nicht zuletzt den S\u00f6hngen sich in endlo\u00adsen Liebeserkl\u00e4rungen mit\npausenlosen K\u00fc\u00dfchen ergehen lie\u00df. K\u00fc\u00dfchen vor allem mit Mischa Zozoria, der wie\ndie Feuerwehr herbeigeeilt kam, angeblich um die von Minderjahn vergessenen\nZigarettenstange zur\u00fcckzubringen. Zum Ende des Gastmahls stellte sich aber\nheraus, da\u00df der Grund seines Erscheinens woanders lag: Gela nahm mich beiseite\nund gestand mir, da\u00df sich eine Katastro\u00adphe ereignet habe. Natia hatte es doch\nfertig gebracht, die Keramik-Figur, die S\u00f6hngen bei Zozoria gekauft hatte,\nkaputt\u00adzuschmei\u00dfen. Zozoria hatte nun schnell f\u00fcr Ersatz gesorgt. Gela wollte\nwissen, ob S\u00f6hngen \u00fcberhaupt von dem Geschehenen infor\u00admiert werden m\u00fcsse. Ich\nbefand es f\u00fcr Einerlei. Als Gela aber weiter irgendwelche Bedenken wegen der\nGr\u00f6\u00dfe der Figur \u00e4u\u00dferte, rief ich S\u00f6hngen einfach entgegen dem Willen Gelas,\nder vorher noch Mischa zurate ziehen wollte, zu uns rein. Der &#8211; mittlerweile\nvolltrunken und ein bi\u00dfchen Neidisch auf all die von K\u00fc\u00dfchen begleiteten\nLiebeserkl\u00e4rungen vom sactolje &#8211; viel vor R\u00fchrung erst Mischa, dann Gela um den\nHals und kam auf seine Kosten. Der Toast auf mich wurde als letzter pers\u00f6nlicher\nToast ausgebracht (allerdings vor den Toasts auf Nana und den Tamada Gela), ver\u00adhalten\nund betont allgemein (Sch\u00f6nheit usw.). Gela trank aller\u00adverdi mit Joseph auf\nmich, der die Chance allerdings beim Schop\u00adfe packte und seine loyale Beziehung\nzu mir klarstellte. Vorher schon hatte Gela mich vergriffen autorit\u00e4r darauf\nhinzuweisen versucht, da\u00df es mein Teil sei zu \u00fcbersetzen, als ich die mir\nunangenehmen Liebesbekundungen Nanas an Josephs Adresse von ihrer Lehrerin\n\u00fcbersetzen lie\u00df. Ich gab in freundlicher Verstel\u00adlung zur\u00fcck, da\u00df ich mich im\nAngesicht einer so hervorragenden \u00dcbersetzerin sch\u00e4men w\u00fcrde. Auf die\n\u00dcbersetzerin, die sicherlich auch als ein Zeichen an mich eingeladen war und\nder Kontrolle dienen sollte, tranken Gela und Nana in sogar f\u00fcr Georgier \u00fcber\u00adzogenen\nVerz\u00fcckung (zumal ich wei\u00df, da\u00df sie Gela eher nervt). In Gelas Toast auf Nana\nunterstrich er f\u00fcr einen Georgier bei Tisch ungew\u00f6hnlich seine prim\u00e4re und\nabsolute Loyalit\u00e4t und Liebe zu seiner Frau. Ich wich dem Toast aus. Beim Toast\nauf die Freund\u00adschaft hob die Tugend hervor, alles Schlechte und Unangenehme\nvon den Freunden fernzu\u00adhalten, um diese nicht zu belasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Joseph hatte\nsich vorher schon wieder beliebt gemacht, indem er sein amerikani\u00adsiertes\ndeutsches Modell f\u00fcr die georgischen Bau\u00advorhaben vor\u00adschlug\n(firmenorganisierte medizini\u00adsche Versorgung f\u00fcr die Ar\u00adbeiter und deren Familie&#8230;).<\/p>\n\n\n\n<p>Otar wurde\nals absolute Autorit\u00e4t und w\u00fcrdiger Kerl pr\u00e4sen\u00adtiert. Gela spielte geschickt\nauf seine Kinder im Ausland an (sein Sohn hat Hausverbot, seitdem er in\nHolland, wo er als Physiker und Mathematiker arbeitet, eine Russin geheiratet hat,\nseine Tochter ist in Kanada verheiratet), indem er sie pers\u00f6nlich und den\nInternationalismus der Georgier lobte. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch die\nschnelle Abfolge der Toasts (und die erstaunlich gro\u00ad\u00dfen Gl\u00e4ser) kam kein\nTischgespr\u00e4ch auf. Es war eine politische Performance, die ich bisher nur in\nihrem an mich adressierten Teil dekodieren kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am\nFlughafen auf Minderjahn warteten wurde Gela von einem Typen in seinem Alter\nbegr\u00fc\u00dft, der mir vorher dadurch aufgefallen war, da\u00df er mit unguten jungen\ndswelis abhing. Gela erkl\u00e4rte mir, da\u00df er selbst auch ein dsweli i\u00b0qo ist, der\ngerade zweieinhalb Jahre Knast unter angenehmen Bedingungen abgesessen hatte,\nweil er den Sohn des Chef-Prokurors erschossen hatte. Der Prokoror war einer\nseiner besten Freunde. Nachdem er mit dem Prokuror dessen Geburtstag ausgiebig\nbegossen hatte, fuhren sie an einen anderen Ort weiterzutrinken. Dort war\nzuf\u00e4llig auch der Sohn des Prokurors anwesend. Es kam zum Streit mit dem Vater\nund der Sohn beschimpfte den Vater mit einem Mutterfluch. Angeblich wies der\nFreund des Vaters den Sohn daraufhin zurecht, worauf dieser nocheinmal Fluchte.\nWeiter angeblich zog der Freund des Vaters daraufhin eine Waffe, um den L\u00fcmmel\neinzusch\u00fcchtern. Ein Freund des L\u00fcmmels, der dabeistand, soll dem dsweli dann\nin den Arm gefallen sein, wodurch sich ein Schu\u00df l\u00f6ste, der den L\u00fcmmel\nallerdings nur verletzte. Er starb dann durch eine Folgetrombose im\nKrankenhaus. Solange der Sohn lebte, war der Prokuror sehr f\u00fcr seinen Freund.\nAls dieser aber starb, kippte auch seine Psyche um. Da weder Waffe noch\nL\u00fcmmel-Freund aufgefunden wurden, und auch den Andeutungen Gelas zufolge, der\nimmerhin den Rechts\u00adanwalt organisiert hat, hat der dsweli wohl gleich\ngeschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sonntag\nhielten Tiniko Japaridse und Sandro sehr unterschiedli\u00adche Hochzeiten. Die von\nSandro glich mehr einer Totenfeier. Ger\u00fcchte gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tgb-since-1993\/georgien-marz-april-1996\/1-mai-1996\/\">next<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/georgien-marz-april-1996\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Minderjahn war mit Karl-Heinz S\u00f6hngen f\u00fcr drei Tage und f\u00fcnf N\u00e4chte da. Der Lebensk\u00fcnstler S\u00f6hngen f\u00fchrt ein joking relationship mit old Jo. Jo benahm sich jovial und gut. 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