{"id":5693,"date":"2019-02-12T22:24:25","date_gmt":"2019-02-12T21:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=5693"},"modified":"2019-10-07T18:32:18","modified_gmt":"2019-10-07T16:32:18","slug":"26-marz-1996","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/georgien-marz-april-1996\/26-marz-1996\/","title":{"rendered":"26. M\u00e4rz 1996"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern Abend\nwar ich dann doch mit Gela bei Aloscha (74?), dem Vater ehemaliger\nB\u00f6rsenkumpanen von Gela. Einer der beiden S\u00f6hne starb mit 36 (?) an Drogen &#8211;\nMedizin, wie Gela sich ausdr\u00fcckte. Der andere liegt jetzt in Moskau mit Krebs\nim Krankenhaus. Seine Frau begleitet ihn. So lebt Aloscha, der von sich\nbehauptet in seinem Leben einzig seine Frau betrogen zu haben, alleine in einer\ndunklen, kalten Wohnung mit hochherrschaftlichen M\u00f6beln deutscher Produktion,\ndie er seit 60 Jahren bewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gela machte\nmich mit ihm als einem tbilissier Buquet bekannt: Soldat im Zweiten Weltkrieg,\nvon 1946-53 f\u00fcr jemand anderen gesessen, kai bic\u00b0i, Arzt in einer Stadt, in der\nRussen in Minen arbeiteten, Mengrelen die Aufsicht f\u00fchrten und Abchasen in den\nTag lebten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war\nschwierig, von ihm konkrete Informationen zu meinem Thema zu bekommen, da er es\noffensichtlich nicht gewohnt war, \u00fcber die Dinge zu reden, die ihm vollkommen\nselbstverst\u00e4ndlich waren. Erst im Kontrast zu dem, was er als Perversionen der\njungen Generation erlebt, wurden seine Begriffe von Ehre, dsveli bic\u00b0ebi,\nDieben, Familie&#8230; transparent:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; f\u00fcr\nseine und auch f\u00fcr Gelas Generation waren die Diebe keine Leitfiguren f\u00fcr die\nStra\u00dfenjungs. Recht wurde unter\u00adeinander abgemacht und Gerechtigkeit\nverwalteten interne, vor allem \u00e4ltere Autorit\u00e4ten. Lie\u00df sich einer auf die Ser\u00advice\nvon Dieben ein, verlor er an Ansehen. Man versuchte ganz bewu\u00dft diese\nAbh\u00e4ngigkeiten zu vermeiden. Der Bruch mit der Familie war kein Kriterium, da\ndiese oftmals die &#8220;Schule der Stra\u00dfe&#8221; f\u00fcr sinnvoll und sogar\nnotwendig hielt. <\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; Gewalt\nwar ein wesentliches Mittel des Prestige-Erwerbs. Aloscha unterstrich immer\nwieder, wie &#8220;sch\u00f6n&#8221; ihre Leitham\u00admel sich schlugen. Zweik\u00e4mpfe\nzwischen Leithammeln ver\u00adschiedener Schaika&#8217;s waren angesagt. Meist schlug man\nsich wegen M\u00e4dchen. Waffen waren gew\u00f6hnlich nicht in Gebrauch.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; Diebe\nehrt Aloscha f\u00fcr ihre pers\u00f6nlichen Eigenschaften, nicht daf\u00fcr, da\u00df sie Diebe\nsind. Das ist deren Sache, so\u00adlange sie anst\u00e4ndige Diebe sind (sich also an die\nOpferaus\u00adwahl der gesetzm\u00e4sigen Diebe halten). Ansonsten ehrt Alo\u00adscha Shamil\nund Sadam Hussein (dessen Name ihm zun\u00e4chst nicht einviel), daf\u00fcr da\u00df sie\nM\u00e4nner sind.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;\nAnst\u00e4ndige Stra\u00dfenjungs vermutet Aloscha vor allem noch in der Provinz.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; Gela\ndenkt, da\u00df Ende der 70er Jahre die Diebe zu Orien\u00adtierungspunkten wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;\nDrogen spielten bei den alten d.b. keine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; ein\nd.b. ist jemand, der gern auf der Stra\u00dfe ist und sich gern pr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; die\nPornos des Westens haben die Jugend kaputt gemacht (was die schlechte Auswahl\nvon Filmen aus dem Westen an\u00adgeht, stimmt Gela hier zu).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;\nDiebstahl war nur bei den Megrelen wesentlich f\u00fcrs Er\u00adwachsenwerden (ohne\ngestolenes Pferd keine Frau).<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;\nAloscha will mich mit seinem guten Kumpel, dem Dieb, bekannt machen. Auch einer\nseines Alters.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; er\nhatte extra eine Flasche Wodka (sogenannten &#8211; Gott wei\u00df was f\u00fcr ein technischer\nAlkohol in der Flasche war)<\/p>\n\n\n\n<p>Warum redet\ndie junge Generation so viel \u00fcber die Werte der alten? Gestikuliert sie nur,\nspielt sie in dem versuch sich selbst von letzten Werten zu \u00fcberzeugen das\nnach, was die Alten in ihrer Jugend selbstverst\u00e4ndlich handelten &#8211;\nselbstverst\u00e4nd\u00adlich auch weil es weitgehend \u00fcbereinstimmte mit den Werten der\nsozialen Umgebung?<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten\nhabe ich gestern noch erfahren, da\u00df Gela in Banken und Aktien von Polen bis\nGeorgien 140.000$ und 1 1\/2 kg Gold 998er verloren hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Schule der\nStra\u00dfe als \u00dcbergangsraum der Rit\u00e9 de Passage des Erwachsenwerdens: Warum steht\ndie \u00e4ltere Generation so hilflos vor der j\u00fcngeren, die im grunde die gleichen\nWerte vertritt, allerdings mit Drogen und Waffen in der Hand?<\/p>\n\n\n\n<p>Gewalt machte\nauch damals den kontrollierten Karnevall aus, in dem die Kinder zu den\nErwachsenen wurden, die die Erwachsenen\u00adwelt hinter dem Ritual erwartete. Jetzt\nist der Karnevall aber nicht mehr kontrolliert, er hat eine Eigendynamik entwickelt,\nist selbst m\u00e4chtig geworden &#8211; f\u00fcr eine Zeit m\u00e4chtiger, als die Erwachsenenwelt.\nUnd es gibt die klare R\u00e4uberalternative als Orientierungspunkte zur\nFamilienwelt. Wer fr\u00fcher die Kultur der Br\u00fccke nicht passierte, blieb infantil\n(Nanas Bruder, Gias Bru\u00adder, Dato) nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Erwachsenenwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sandro &#8211; wohl\nkein Stra\u00dfenjunge und vielleicht zugeh\u00f6rig zu einer der beiden Kategorien der\ngeachteten Ausnahmen: Sportler und Wissenschaftler (vgl. Dato) &#8211; erz\u00e4hlte, wie\nsie mit Mitsch\u00fc\u00adlern verfuhren, die zu Schlampen (Verr\u00e4tern, Petzen) geworden\nwaren: sie lie\u00dfen sie jede Pause im Kreis laufen und traten ihnen in den\nHintern und schlugen sie (als selbstverst\u00e4ndlich im Nebensatz erw\u00e4hnt) ins\nGesicht. Jetzt t\u00e4ten sie ihm auch leid. Ziemlich australisch-boy-school like.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute an der\nUni einen alternden Raufbold kennengelernt, der mir \u00fcber die Kultur der Stra\u00dfe\nseiner Zeit erz\u00e4hlen m\u00f6chte. Er ist ein alter Bully und Angeber, der wohl mit\nder Politik der Stra\u00dfe wenig am Hut hatte (er mag die d.b. nicht), sondern sich\nmit seinem &#8220;t\u00f6tlichen Schlag&#8221; vor allem pr\u00fcgeln wollte. Er platzt vor\nJungengeschichten von ehrenhaften Fausk\u00e4mpfen, in denen sich nach\ndurchgeschlagenen Stunden Messer als Souvenir geschenkt wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Interessant\nwaren zwei Dinge:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1.\nwollte er sofort wissen, ob ich mich f\u00fcr das Thema aus der Sicht eines\nEurop\u00e4ers auf Asiaten interessiere, und<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2.\nerz\u00e4hlte er (von Gela best\u00e4tigt), da\u00df die d.b. aus einer Handwerksinnung\n(c^\u00b0arac^oreli) noch vor der Revolution hervorgegangen sei. Eben diese fr\u00f6hlichen\nGesellen waren die Schule der d.b.. Tags\u00fcber arbeiten, abends einen drauf\u00admachen\n(k&#8217;ep&#8217;i). Er erz\u00e4hlte, wie zu Menschewikizeiten auf dem Rustaveli dedas\nbic\u00b0ebi, die sich f\u00fcr d.b. hielten, von boxenden Schotten verpr\u00fcgelt wurden,\nweil sie denen unter den Rock fa\u00dften. Daraufhin h\u00e4tten sich die an die\nc^\u00b0arac^oreli gewendet und diese wiederum h\u00e4tten dann die boxenden Schotten mit\nKopfst\u00f6\u00dfen fertiggemacht. Das rum\u00adtreiberische Lebensgef\u00fchl von diesen\nHandwerkern sei dem der d.b. \u00e4hnlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der panichida\nvon Nanas verstorbenen waren vor allem dessen Freunde, gem\u00e4\u00dfigte bis radikale\nSviadisten anwesend. Alle stamm\u00adten sie aus der mittelm\u00e4\u00dfigen Intelligenzia,\nwaren wie Nanas Bruder nie Stra\u00dfenkinder, sprachen in von Gela nur in Worten\nder M\u00e4nnlichkeit (was^kazoeba, didi kazi a&#8230;) und von Zauri (?) als ihrem\nLeithammel (c^\u00b0oc^i).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die\nSviadisten trifft diese Charakterisierung wohl allgemein zu. Junge Sviadisten\ngibt es in Tbilissi kaum (im lokalpatrioti\u00adschen Samengrelo mag das anders\nsein). Ein mystisches und sicher ethnisch ges\u00e4ubert vorgestelltes Georgien wird\nvon au\u00dfen (huma\u00adnit\u00e4re Hilfsmafia, das kulturlose Amerika, KGB,\nShewardnadse&#8230;) k\u00fcnstlich im Schlamm gehalten. Der kleinste und radikalste von\nihnen, hatte sein Gesicht samt Oberlippenb\u00e4rtchen gut auf Nazio\u00adnalsozialismus\neingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tgb-since-1993\/georgien-marz-april-1996\/28-marz-1996\/\">next<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/field-diaries-notes\/georgien-marz-april-1996\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend war ich dann doch mit Gela bei Aloscha (74?), dem Vater ehemaliger B\u00f6rsenkumpanen von Gela. Einer der beiden S\u00f6hne starb mit 36 (?) an Drogen &#8211; Medizin, wie Gela sich ausdr\u00fcckte. Der andere liegt jetzt in Moskau mit Krebs im Krankenhaus. 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