{"id":441,"date":"2018-01-28T00:15:40","date_gmt":"2018-01-27T23:15:40","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=441"},"modified":"2019-03-16T14:14:51","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:51","slug":"leningrad-04-11-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-04-11-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 04.11.1991: Milit\u00e4rkrankenhaus"},"content":{"rendered":"\n<p>Nachtr\u00e4ge:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Mehrere Menschen behaupteten in der Vergangenheit, da\u00df ich Schmerzen durch meine H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnte. So die Svjeta, wie auch Irina. Ich habe das gestern Nacht bei mir versucht, bin mit dem Resultat aber nicht ganz zufrieden. Kann sein, da\u00df ich etwas gesp\u00fcrt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Die Stra\u00dfen sind hier in einer ganz besonderen Konstitution und motivieren tats\u00e4chlich dazu, Ru\u00dfland ernst zu nehmen. Neben der an eine Teststrecke f\u00fcr die Paris-Dakar-Ralley erinnernde Oberfl\u00e4chen-beschaffenheit des gelegentlich noch geschlossen liegenden Asphalts, den meistens berechenbaren, dennoch t\u00fcckisch reifenaufrei\u00dfend herausragenden Stra\u00dfenbahnschienen, den st\u00e4ndig variierenden Untersp\u00fclungen, die das Fahren und gehen spannender machen, den vielen nicht gekennzeichneten und nie zuende gef\u00fchrten Bauarbeiten, faszinieren mich am meisten die immer wieder fehlenden Gullideckel. Diese Gullideckel haben die Gr\u00f6\u00dfe eines kleinen LKW-Rades, so da\u00df sie einem Menschen genau so wie einem Autoreifen bequem Durchgang lassen. Ich denke, das dieses Faktum, besonders in den vielen unbeleuchteten Hinterh\u00f6fen, die hohe Kindersterblichkeit mit-begr\u00fcndet. Mich h\u00e4tte es auch schon einmal fast geschluckt &#8211; Russen sind allerdings auf diesen Dschungel besser eingespielt und bisher haben alle von mir beobachteten Autofahrer die so verminten Stra\u00dfen, ohne R\u00e4der zu lassen, gemeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ethnologin II erz\u00e4hlte \u00e4hnlich interessante Geschichten von Kairo, wo nach ihren Aussagen relativ regelm\u00e4\u00dfig &#8211; in den Zeitungen verfolgbar &#8211; Passanten in den D\u00e4rmen der Stadt durch nicht vorhandene Gullideckel&nbsp; verschwinden, um dann ein paar Wochen sp\u00e4ter an irgendeinen Nilstrand wiedergek\u00e4ut zu werden. So soll es auch dem weiblichen Part eines P\u00e4rchens ergangen sein, w\u00e4hrend sie mit ihrer m\u00e4nnl. Begleitung das Abenteuer einer Hauptstra\u00dfen\u00fcberquerung auf sich genommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute erstaunlichen Vormittag im Krankenhaus gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4lterer Freund B.M. holte mich so gegen 9.45min 23sec bei mir zu Hause ab. Wir sammelten dann old B.M. ein und fuhren in das vielger\u00fchmte Milit\u00e4rkrankenhaus, das zu den besten der S.U. z\u00e4hlen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Von au\u00dfen: Normale Verfallserscheinungen vergangender Gr\u00f6\u00dfe. Das Fojer, das gleichzeitig Flur und Wartezimmer war: alt, sauber, stuckverziert und eiskalt. Selbst das Personal im angrenzenden Umkleide\/Emfangsraum, dessen T\u00fcr immer offen stand, w\u00e4rmten sich die H\u00e4nde regelm\u00e4\u00dfig an einer Elektroheizung. Alles irgendwie sehr liebenswerte Nachkriegsathmosph\u00e4re (die ich nat\u00fcrlich nur aus Filmen und B\u00fcchern kenne).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir warteten dann eine Weile und B.M. versuchte ohne ihre verlorene Stimme, Konversation zu machen. Sie pries das Krankenhaus wohl nicht zuletzt deshalb so, weil sie mich gerne hier behandelt gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kam dann der Arzt &#8211; ihr angeblicher Freund &#8211; auf den wir gewartet hatten, von drau\u00dfen ohne von uns Notiz nehmend herein, ging an uns vorr\u00fcber ins Umkleidezimmer. Ein ca. 60j\u00e4hriger, etwas untersetzter Mann, dem man milit\u00e4rische Disziplin ansieht. B.M. war ganz aus dem H\u00e4uschen ob der mit ihr befreundeten Anmut und erwischte ihn dann auch voll frontal, als er in den Eingeweiden des Krankenhauses verschwinden wollte. Ich glaubte es nicht: Sich schnurstracks angesteuert sehen, war es dem armen Mamm gerade noch m\u00f6glich abweisend <em>&#8220;nu u schto?&#8221; <\/em>zu formulieren (er erkannte sie offensichtlich nicht sogleich), hatte aber gleich darauf einnen fetten feuchten Schmatzer in der linken Mundwinkelgegend h\u00e4ngen. Er war f\u00fcr alle Anwesenden leicht ersichtlich \u00e4u\u00dferst angenerft; ausgenommen B.M., die ohne ein Wort zu sagen gl\u00fccklich grinsend kehrt machte, und zu dem leicht err\u00f6teten Jan zur\u00fcckkehrte (<em>I&#8217;d rather see this on TV<\/em>). Der Doc kam dann auch, war zu mir angenehm professionell freundlich, zu B.M. in dem hoffnungslosem Versuch abzuschotten, ebenso prof. barsch. Er setzte sich dann aber tats\u00e4chlich doch durch mit seinem Anliegen, mich alleine Untersuchen zu d\u00fcrfen. Ich stellte relativ schnell fest, da\u00df er Urologe war, was ihn aber nicht davon abhielt, mit seinem herbeigerufenen Kumpel, einem jungen Physiologen, zu fachsimpeln. Als wir in das Krankenhaus selbst gingen, zog mir der alte Arzt noch v\u00e4terlich den Rei\u00dfverschlu\u00df von Jensens Sweat-Shirt zu, mit der Bemerkung, da\u00df dies hier ein diszipliniertes Milit\u00e4rkrankenhaus sei (ich beobachtete tats\u00e4chlich auch, wie \u00c4rzte eintretende Milit\u00e4rs milit\u00e4risch gr\u00fc\u00dften).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekam immer mehr Lust auf das Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Beides waren \u00c4rzte vom alten Schlage: In ihren Umgangsformen (auch mit meinem Bein) eher rustikal, aber einnehmen ernsthaft bei der Sache. Soweit ich wei\u00df, war zumindest der \u00c4ltere auch in Afghanistan.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie tippten beide auf Meniskus, meinten aber auch, da\u00df eine Kniespiegelung (Rektoskopie) gemacht werden m\u00fcsse. Sie boten mir an, das bei ihnen (umsonst und offiziell) machen zu lassen. Da ich aber eine anschlie\u00dfende Operation bef\u00fcrchte, und nicht einsch\u00e4tzen kann, wie bei Komplikationen (die im Westen genauso passieren k\u00f6nnen) meine Krankenversicherung reagiert, wenn ich mich hier verhundsen lasse, ziehe ich eine mir unliebe Unterbrechung meines Aufenthaltes hier vor.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. versucht jetzt gerade, mir ein Flugticket zu besorgen. Als ich nach Hause kam, rief gleich der Arzt an (welcher wei\u00df ich nicht, ich glaube der \u00c4ltere) und erkundigte sich nach meinem Befinden genauso, wie er sein Wohlgefallen \u00fcber unser Treffen ausdr\u00fcckte. Wie er meine Nummer herausbekommen hat, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte das ihm von B.M. angebotene Geld, nat\u00fcrlich auch nur genervt abgelehnt. In ihrem anschlie\u00dfenden Umarmungsanfall gefangen, sah er mich auch nur hilflos an, genauso wie ich hilflos die Achseln zuckend zur\u00fccksah.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. rief gerade an und informierte mich, da\u00df sie ein Ticket f\u00fcr den 9&#8217;ten November bekommen h\u00e4tte. Ich hatte mit schlimmeren Wartezeiten gerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. und auch andere russische Bekannte von mir vor ihr, erw\u00e4hnte, da\u00df Ru\u00dfland ein Land sei, indem die Armut und die Tragik des Alltags mit der Mentalit\u00e4t der Menschen einher geht und kein aktuelles Produkt des kalten Krieges sei. &#8220;Ru\u00dfland war immer arm und wird es auch immer bleiben&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zoni-Bekannte, die in meine K\u00f6llner Wohnung reinwollte, meinte aus gut-deutscher Sicht: &#8220;Gibst du einem Ost-Deutschen ein gutes Gehalt und stellst ihm in Aussicht, gefeuert zu werden, wenn er nicht vern\u00fcnftig arbeitet, dann hat es mit dem Pfusch bald ein Ende. Bei einem Russen w\u00e4re das wahrscheinlich nicht so. Die setzen andere Priorit\u00e4ten.&#8221; (Sie hatte ein Jahr in Ru\u00dfland gelebt, viel Zeit davon mit einem Russen zusammen)<\/p>\n\n\n\n<p>So reden viele hier. Meine Nachbarn nennen die Russen &#8220;faul&#8221;, der Meister Aleksej &#8220;arbeitsunwillig&#8221; und B.M. spricht von einer Seele, die zur materiellen Armut verdammt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das erscheint mir zun\u00e4chst seltsam. Ru\u00dfland steht ohne Zweifel in der Tradition des Abendlandes. Es ist kulturgeschichtlich&nbsp; vor allem ein Teil Europas, nicht erst seit Peter dem Gro\u00dfen und seinem West-Tick. Seit der Kiever Russ und den wichtigen Kontakten zum byzantinischen Reich ist russische Geschichte mit europ\u00e4ische Geschichte. Die gedankliche Mauer zwischen Westeuropa und Osteuropa ist eine Erfindung neuzeitlichem Nationalismus. Mit der Heirat zwischen Svjetuslav (Igor?) und der byzantinischen Purpurgeborenen und der anschlie\u00dfenden Christianisierung ist Ru\u00dfland Teil des Orbis Christi, also aufgenommen gewesen in die mittelalterliche christliche V\u00f6lkergemeinschaft, die die Geschicke dieser Welt von da an ma\u00dfgeblich beinflussen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotz dieser gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Bildung, vieler gemeinsamer Werte, eines gleichen Weltbildes, gleicher intellektueller F\u00e4higkeiten ist es doch eine ganz andere Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann Lenins Fehlprognose nur zu gut verstehen, in der er annahm, da\u00df Ru\u00dfland eher am Ende der Weltrevolution stehen werde und Deutschland den Anfang mache. Kapitalismus erscheint hier noch als genetisch nicht vorgegeben. Nat\u00fcrlich sind die Menschen auch hier habgierig, gerade auch angesichts des Grabens der zwischen dem materiellen Lebensstandard im Westen klafft, beziehungsweise die Preisunterschiede zwischen dem Dr. \u00d6tker Devisenkaffee und einem staatlichen, indem es aber nie nichts gibt. Und auch Meister A. ist fast tot und halb blind geschlagen worden, von irgendwelchen Mafiosos, weil er ein gutlaufendes Gesch\u00e4ft hatte. Und in der Sp\u00e4tphase der Zarenherrschaft sind in Rekordjahren \u00fcber 2000 Menschen politischen Anschl\u00e4gen der zumeist jugendlichen Sozialrevolution\u00e4ren zum Opfer gefallen. An menschlichen Tugenden alleine, scheint diese Wertverschiebung zum Westen nicht zu liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht spielt das fatalistische in der russischen Kultur eine gro\u00dfe Rolle; die sich durch die Geschichte ziehende offenkundige Machtlosigkeit des Volkes gegen\u00fcber den Herrschenden lege das nahe. Auch die orthodoxe Religiosit\u00e4t, die Menschen und Menschlichem gegen\u00fcber einen anderen Zugang als den katholisch\/reformiert westlich materialistischen hat, k\u00f6nnte eine Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-05-11-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachtr\u00e4ge: &#8211; Mehrere Menschen behaupteten in der Vergangenheit, da\u00df ich Schmerzen durch meine H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnte. So die Svjeta, wie auch Irina. Ich habe das gestern Nacht bei mir versucht, bin mit dem Resultat aber nicht ganz zufrieden. 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