{"id":427,"date":"2018-01-27T23:39:58","date_gmt":"2018-01-27T22:39:58","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=427"},"modified":"2019-03-16T14:14:51","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:51","slug":"leningrad-02-11-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-02-11-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 02.11.1991: Nehmen und Jammern; Sashas abge\u00e4tzter Finger"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute den Tag damit bestritten, mein verfluchtes Bein zu schonen und mich von old odd B.M. bedienen zu lassen. Weiter hat mein Nachbar, dem jetzt ja schon die gro\u00dfe Gunst auch noch die Schl\u00f6sser in meine T\u00fcr einzubauen von dem konkurrenzf\u00e4hig aggressiv hilfsbereiten Meister Alexej vereitelt wurde, es \u00fcbernommen, wenigstens die letzten Versch\u00f6nerungsarbeiten (ausputzen und streichen) zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich traue dem Frieden ganz und gar nicht, habe aber jetzt mit abgeschossenem Bein noch weniger M\u00f6glichkeiten das Nehmen zu reduzieren. Diese Art des gegenseitigen Helfens ist hier zudem recht weit verbreitet, unter Freunden und guten Bekannten &#8211; ich bin aber keins von beiden! Ich bin halt Gast, und das ist hier etwas furchtbar Hilfebed\u00fcrftiges.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum gerade ich die Mutterkomplexe so vieler Menschen aufs \u00e4u\u00dferste stimuliere (<em>ja materisobratjel<\/em>) verstehe ich kaum: Ich winsele nicht, bitte um nichts, nehme eher generft und vorwurfsvoll, bestehe wo ich nur kann auf die Unn\u00f6tigkeit der erbrachten Hilfe (mache also, zumindest mit B.M. aus gutem Grund den Sascha). Man l\u00e4\u00dft sich aber nicht beirren in seinem Handeln, ist in seinem F\u00fchlen nur etwas verletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlimme f\u00fcr mich, den schlechten Nehmer, ist es, da\u00df ich jetzt so gehbehindert, wie ich bin, ohne Hilfe tats\u00e4chlich darben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Freiz\u00fcgig zu nehmen, wage ich aber doch nicht, weil ich die Hintergr\u00fcnde nicht durchschaue und meinem Egoismus in der Kraft mir Feinde zu machen, wenns an&#8217;s zur\u00fcckzahlen geht, nicht traue.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-50.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-429\" width=\"273\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-50.jpg 682w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-50-205x300.jpg 205w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><figcaption>Jan im Spiegel &#8211; sp\u00e4te 80er<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich bin ein Spiegel mit schneidend scharfen Kanten. Wer die Kraft hat mag mich ansehen. Wer mich aber ergreift, soll bluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe anderen ohne Anstrengung sich selbst in der Reflektion. Mehr nicht. Und in dem Aufwand der Tat soll ihr Wert nicht gemessen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. wei\u00df nicht ob ich boshaft bin oder gutm\u00fctig. Ich bin f\u00fcr sie, was sie sich selbst ist. Solange sie mich aus einer beliebigen Distanz betrachtet. Unterschreitet sie die Grenze, wird sie bluteten, ob ich nun boshaft bin, oder nicht. Ich denke sie blutet schon.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"662\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/SW_o0145_sw-rest.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-430\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/SW_o0145_sw-rest.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/SW_o0145_sw-rest-300x199.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/SW_o0145_sw-rest-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Fee in K\u00f6ln, 1990<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie spricht mit einer merkw\u00fcrdigen Eingenommenheit von Alexandra. Sie meint, sie liebe sie schon; auch, da\u00df es das wichtigste sei, mich im Bannkreis Alexandras zu wissen, sie bei mir zu wissen. In dem Lichte sei die Entscheidung, ob ich nun boshaft sei, oder nicht, <em>melotschi.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagte weiter, da\u00df ich ihr aufwandlos gro\u00dfes Gl\u00fcck beschert habe, sie aber Angst habe, da\u00df ich ihr weiter Schmerz zuf\u00fcge. In diesem Fall, so denkt sie, sei es besser, die ohnehin eintretende Situation, n\u00e4mlich da\u00df ich f\u00fcr immer aus ihrem Leben trete, jetzt eintreten zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch versuchte sie mir ihren Begriff von Hilfe zu erl\u00e4utern, der furchterregend komplex und widerspr\u00fcchlich ist. Was die auszuf\u00fchrenden Handlungen angeht, hilft sie ungern, kann aber nicht anders &#8211; hilft demzufolge auch f\u00fcr sich. Auch tut sie schlimm daran, das f\u00fcr Menschen zu tun, was sie von Menschen getan haben m\u00f6chte &#8211; weil sie es von den Menschen getan haben will?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie steht halt in einer viel zu langen Tradition der eigenn\u00fctzigen (weil freiwilligen) Selbstverneinung in der Zeitgestaltung um die Bed\u00fcrfnisse anderer, als da\u00df sie jetzt konsequent ihren Wunsch, alle ihr Wehtuhenden auszugrenzen und ihr egozentrische Bed\u00fcrfnisse bejahendes Ich durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Insel tr\u00e4umt sie schamhaft weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Seltsam: Will von einem ein Drittel ihrer Tage messenden J\u00fcngling, in die Sakristei der sinnlichen Weiblichkeit eingef\u00fchrt werden, ist aber schamhaft verst\u00f6rt, wenn ich beim Lernen der K\u00f6rperteile Scham, Scheide, Hoden usw. wissen will. Die spinnen die Russen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem erz\u00e4hlt sie mir, als ich Homosexualit\u00e4t als etwas v\u00f6llig gew\u00f6hnliches erw\u00e4hne, irgendeine komische Geschichte von einem Litauer, der im Zug von ein paar Sodaten vergewaltigt wurde und diese und ein paar mehr dann erscho\u00df (oder der Typ war ein Russe, die Soldaten Litauer &#8211; wei\u00df ich nicht mehr). Damit wollte sie mir klar machen, da\u00df viele Jungens, bevor sie zur Armee gehen, nicht homo seien&#8230; .<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"969\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/JK90185.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-431\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/JK90185.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/JK90185-300x291.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/JK90185-768x744.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Cherep und Fee in Piter, 1992<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Weiter erfuhr ich, da\u00df old Aleksander sich seinen Finger absichtlich abge\u00e4tzt hat, weil er Seelenschmerz mit k\u00f6rperlichem tilgen wollte. Er ist nach der \u00e4tz-Aktion mit wundbrennendem Finger aus der Stadt geflohen und Tage sp\u00e4ter, die mehreren hundert Kilometer zur\u00fcckgewandert\/getrampt gekommen. Es ging nat\u00fcrlich um irgendeine \u00e4ltere Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Davor schon einmal hat er die Uni wegen eines anderen M\u00e4dchens geschmissen. So einen Hang zu romantischen Spinnereien h\u00e4tte ich ihm gar nicht zugetraut. Auch den bemerkenswerten Willen zur Selbstverst\u00fcmmelung &#8211; das Entfernen von Gliedma\u00dfen der Extremit\u00e4ten hat in der Folter vielen Trotzenden den Willen gebrochen, habe ich gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja, mir wurden noch zwei Ich&#8217;s beschieden, das Ich des habenden Westlers mit tausend Sachen und M\u00f6glichkeiten, und Das Welt-Ich des Seienden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich mein PTU-girl wieder gemeldet; sie war bis gestern in Tallin. Sie und der englischsprachige Verwandte meiner Wohnungseigent\u00fcmer kommen morgen zu besuch. Ich habe von B.M. Order, ihnen nichts von dem von ihr eingekauften und zubereitetem Fleisch zugeben&#8230; . \u00c4u\u00dferst aggressive Hilfsbereitschaft. Au\u00dferdem wunderte sie sich dar\u00fcber, mit was f\u00fcr einer Leichtigkeit ich G\u00e4ste empfinge. Sie bereite sich immer ausgiebigst auf den einzelnen Gast vor &#8211; stimmt wohl auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Verflucht, dies ist wirklich eine andere Welt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0327_preSSSR.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-433\" width=\"230\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0327_preSSSR.jpg 683w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA_0327_preSSSR-205x300.jpg 205w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><figcaption>Anne und Jens R\u00f6tsch in Berlin<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Und die liebliche Anne rief heute noch an &#8211; wird wohl demn\u00e4chst seufzend in die kr\u00e4ftigen Arme des Jens zur\u00fccksinken&#8230; \u00fcber quietschen, kreischen, st\u00f6hnen dann bald wieder beim Jammern sein. Alles flie\u00dft und trotzdem bleibt&#8217;s in Form von Schleifen immer sich selbst \u00e4hnlich. In diesem Sinne gibt es vielleicht auch Pers\u00f6nlichkeit (Seele, Charakter, etwas, das bleibt), die dann aber mit unserem Begriff von Individualit\u00e4t nicht viel gemein hat.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-03-11-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute den Tag damit bestritten, mein verfluchtes Bein zu schonen und mich von old odd B.M. bedienen zu lassen. 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