{"id":424,"date":"2018-01-27T22:43:18","date_gmt":"2018-01-27T21:43:18","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=424"},"modified":"2019-03-16T14:14:50","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:50","slug":"leningrad-01-11-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-01-11-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 01.11.1991: Peer Gynt, Knie, Schicksalvermeidung, BM-Kleiderwechsel"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern vor allem mit mir selbst und Peer Gynt zu schaffen gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum sich langsam bessernden Hacken ist jetzt die bekannte Symptomatik f\u00fcr einen Knie-Vorfall hinzugekommen. Seit zwei Tagen ist es wieder geschwollen, mit zunehmender Tendenz. Schmerzen wie beim letzten Mal zun\u00e4chst nur latent. Kann sein, da\u00df da wirklich etwas passieren mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der reine Horror: Kann ich mich nicht frei bewegen, bewege ich mich am liebsten gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe mir eine (abstrakte) Inhaltsangabe f\u00fcr eine m\u00f6gliche Geschichte ausgedacht. Bei mir kommt die Analyse tats\u00e4chlich vor der Synthese &#8211; meist bleibt die Synthese dann sowieso aus. Ist aber &#8216;ne ganz gute Idee, in der es um unfreiwillig frei gewordene geht, um Leute, die eine Reise nach Ixlan unternehmen, dort aber ebenso wenig Aufnahme finden, wie wieder in die ehemalige Heimat zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Peer Gynt durchgelesen. Interessante Geschichte vom abendl\u00e4ndischen Weltverst\u00e4ndni\u00df. Sehr interessantes, wenn auch auf den ersten Blick konventionelles (f\u00fcr seine Zeit) Frauenbild&#8230; ja, ja die Skandinaven.<\/p>\n\n\n\n<p>Handelt von einem Seewolf, der das, was ich oft denke, lebt, immer auf der Such nach sich Selbst in seinen egoistischen Bed\u00fcrfnissen, <u>immer sich selbst vor Augen<\/u>. Kann sich selbst nicht genug sein, als er stirbt. Kann man sich selbst gen\u00fcgen, wenn man vergeht? Findet vielleicht sich selbst (=Ruhe?) in dem ihn empfangenden Mysterium Weib. Sich selbst finden hei\u00dft hier, den Eigend\u00fcnkel in Demuth zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Eintrittskarte ins Mysterium. Im Christentum (Leid als Dem\u00fcthigung, vor allem in der Orthodoxie) wie bei Castaneda (Gleichg\u00fcltigkeit, indem der Eigend\u00fcnkel im Angesicht des Todes gedem\u00fctigt wird und indem verschiedene Wirklichkeitswahrnehmungen gleicher G\u00fcltigkeit bis zum Wahnsinn im Verlieren des Pers\u00f6nlichkeitsbewu\u00dftseins erzeugt werden) oder im Buddismus (Erleuchtende Erkenntnis, da\u00df es Seele, Pers\u00f6nlichkeit, Individualit\u00e4t als best\u00e4ndigen Anker gar nicht gibt).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg und auch das Ziel, das danach angeboten wird, ist unterschiedlich. Im Christentum nennt sich der Weg Gott und das Ziel Unsterblichkeit der (gedem\u00fctigten) Seele. Gott hei\u00dft im verschlungenen Mysterium den richtigen (moralisch) Weg zu finden. Unsterblichkeit ist in der christlichen Vorstellungswelt, soweit sie mir bekannt ist, eine individuelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Castaneda ist das nicht ganz klar: Zum einen geht es darum, die als ein Mensch kulminierte Energie nicht dem erschaffenden Prinzip (&#8220;Adler&#8221;) zur\u00fcckzugeben, und als geschlossene Energieform bestehen zu bleiben. Zum anderen ist dies nicht als Erhalt der pers\u00f6nlichen Identit\u00e4t zu verstehen, denn die wird ja als Voraussetzung schon vorher aufgegeben. Es geht auf jeden Fall aber auch darum, &#8220;einen Weg mit Herz&#8221; nach der Dem\u00fctigung des Selbstbildnisses einzuschlagen, um den Tot als Aufl\u00f6sung der Eigenheit zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung im Buddismus, soweit ich mich in sie hineinfinden konnte, ist eine der abendl\u00e4ndischen sehr fremde (zumindest in ihrer, heute noch im Theravada-Buddismus weitgehend erhaltenen urspr\u00fcnglichen Auspr\u00e4gung): Die Manifestation von Lebensenergie (&#8220;der Sucht zu Sein&#8221;) in sich als Individuen erlebenden Pers\u00f6nlichkeiten, \u00fcberhaupt in sich ver\u00e4ndernden, abgeschlossenen Lebewesen ist die Herausforderung, die es zu \u00fcberwinden gilt, weil sie selbst Urquell allen Leides ist (die vier Avasas). Sich aufl\u00f6sen in der See der Ur-Energie (Nirwahna) ist Ziel. Leidfreiheit ist somit h\u00f6chstes Ziel und Nicht-Tun h\u00f6chste Tugend (denn durch Ver\u00e4nderung wird das Leid nur vermehrt).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit welchem der Ans\u00e4tze ich sympathisiere, kann ich nur schwer sagen. Was die praktischen Konsequenzen angeht, halte ich das buddistische Verst\u00e4ndni\u00df f\u00fcr sehr naheliegend und als Verhaltensanweisug f\u00fcr tugendhaft (Propterhoc&#8217;s R\u00fcckzugsprinzip zwecks Schadenbegrenzung in Huxley&#8217;s &#8220;After many a summer&#8221;).<\/p>\n\n\n\n<p>Castanedas Weg ist m\u00e4rchenhaft spannend und sehr komplex, was die verschiedenen Wirklichkeitswahrnehmungsm\u00f6glichkeiten angeht. Er ist \u00e4hnlich exklusiv wie der buddistische, indem er den Tod der meisten Pers\u00f6nlichkeiten als eine Neuformation der Lebensenergie versteht. So wie die Reincarnation der Sucht zu Leben im alten Buddismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorstellungen von Paradies, Fegefeuer und H\u00f6lle in der christlichen Vorstellung fallen da etwas naiv raus. Allerdings habe ich mich noch viel zu wenig mit den mittelalterlichen Mystikern oder der orthodoxen Mystik besch\u00e4ftigt, um diesen Satz so stehenzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. ist jetzt gerade auf dem Weg zu mir, um mich hier zu unterrichten, weil ich mein Knie schonen m\u00f6chte. Sie sagt, sie kenne einen guten Arzt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe so&#8217;n bi\u00dfchen das Gef\u00fchl, im falschen Film zu sein&#8230; so in Rosmaries Baby oder so. Auf jeden Fall spinnt diese Welt hier ihr Netzwerk um mich &#8211; und da ich ein bequemer Mensch bin, nehme ich freiz\u00fcgig gebohtene Hilfe gerne an. Es wollen mich so ziemlich alle Menschen Leningrads an ihren Arzt, ihr Krankenhaus, ihren Masseur&#8230; verweisen. Auf jeden Fall leiden alle heftig mit &#8211; besonders auch der Schlosser, der au\u00dfer mich im Krankenhaus bei seiner Frau auch noch ein Auto mit\/von mir organisiert haben will, um sich ein App. zu kaufen. Der alte Sascha-Stunt. Wie hehr die Hilfsbereitschaft hier ist, wage ich nicht zu beurteilen. Sie ist auf alle F\u00e4lle gro\u00df &#8211; und im Augenblick der Hilfe ist die Tat entscheidend, nicht der Gedanke. Ihre m\u00f6glichen Erwartungshaltungen unbefriedigt lassen, kann ich immer noch &#8211; die gro\u00dfartige Freiheit sich Feinde zu machen, sofern man die Kraft dazu hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00fcbrigen h\u00e4tte ich schon gut Lust ein bi\u00dfchen Dr. Schiwagos hier kennenzulernen und im Zweifelsfalle bleibt ja immer noch mein singender Heiler. Die Russen leben und sterben ja auch blo\u00df wie anderswo und das Schicksal hat Stochastik sowieso nicht besonders gut begriffen. Ob ich nun in Deutschland wegen eines unwahrscheinlich falsch gesetzten Nadelstiches oder einer Fehldiagnose ein steifes Knie bekomme, oder hier wegen eines etwas wahrscheinlicheren Infektes, ist im Nachhinein eher egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist sowieso etwas schlecht organisiert, die Sache mit der Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens ist ohnehin schon so ungef\u00e4hr allen klar &#8211; den \u00c4rzten, wie den \u00dcbermittlern &#8211; da\u00df ichs am Meniskus habe. Darauf ist der Depp in K\u00f6ln nicht gekommen, was an sich ein Indiz zugunsten der russischen Diagnose ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe um ehrlich zu sein auff\u00e4llig wenig Lust auf irgendein gro\u00dfes Bemerkbarmachen des G\u00f6ttlichen in meinem Leben, sei es als Aids, steifes Bein oder &#8220;Jan, du hast mich geschw\u00e4ngert und ich treibe wegen Deines vielger\u00fchmten Erbgutes nicht ab&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schon lieber von einer R\u00e4uberin entf\u00fchrt werden auf ihre Burg, angekettet als Sexsklave mi\u00dfbraucht. Da k\u00f6nnte man dann wenigstens noch &#8216;was f\u00fcrs Leben lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach so, ich habe sicherheitshalber noch meine Neon-Lampe verschenkt, weil ich so ein guter Mensch bin&#8230; &#8211; dies ist ein Tagebuch und man soll ehrlich sein: &#8230;, weil ich das Wort &#8220;leihen&#8221; nicht kannte und mein Ansinnen dann wohl irgendwie falsch r\u00fcberkam.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. ist anschmiegsam wie eh und je, und bei mir schwindet auch langsam der Brechreiz. Wenn sie doch nur nicht so streng nach Mensch r\u00f6che.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fragte mich heute unvermut, ob ich mich nicht dar\u00fcber wundern w\u00fcrde, da\u00df sie sich jedes Mal, wenn sie zu mir kommt, erst einmal umziehen w\u00fcrde. Erst da fiel mir auf, da\u00df sie sich in der Tat immer wenn sie kommt, ihr uraltes bauerntischdeckenkatiertes Kleid \u00fcber ihren zuvor im Bad ganz entbl\u00f6\u00dften Leib streift (auch im Bad). Nun ja, sie hat&#8217;s halt lieber leicht auf dem Leib. Es ist erstaunlich, wie sie wirklich die wildfremdesten Personen in weltumspannender Umarmung an sich rei\u00dft (z.B. eine Sekret\u00e4rin im Uni-B\u00fcro &#8211; die ich an sich auch ganz gerne ein bi\u00dfchen freundlich Umschlungen h\u00e4tte, ein Kind in der Elektritschka u.v.m.); die nehmen das auch mit etwas verdattertem Gesicht so hin, bis auf das sichtlich unangenehm verst\u00f6rte Kind. Kinder verstehen viel von N\u00e4he und Entfernung.<\/p>\n\n\n\n<p>B.M. beschied mir heute die gro\u00dfe F\u00e4higkeit k\u00f6rperlicher Herzlichkeit und geistiger Reserviertheit. Das mit der k\u00f6rperlichen Herzlichkeit verstehe ich wenn \u00fcberhaupt nur im Vergleich mit russ. M\u00e4nnern im allt. Umgang mit Frauen. Ich bin gerade k\u00f6rperlich so ganz bei mir, wie nur selten. Gerade auch durch den Auftakt mit B.M..<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bildung, die die meisten Russen haben, ist erstaunlich. Nat\u00fcrlich ist es eine klassische Bildung und kein Up To Date sein, aber so sind die Leute hier unabh\u00e4ngig von ihrem Beruf (hier ist sowieso jeder so ungef\u00e4hr alles) literaturfester als die meisten gebildeten Deutschen. Den Leuten, die sich besonders engagierten und in die <em>samisdat <\/em>(underground-Literatur) einstiegen, sind auch Sachen wie Carlos Castaneda bekannt. This realy is the land of the underground.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls ich nicht bald wieder frei raus auf die Stra\u00dfe, die Metro kann, kann es gut sein, da\u00df ich die Zelte hier abbreche, bis ich k\u00f6rperlich wiederhergestellt bin. Bis zum ersten Januar mu\u00df ich wieder fit sein. Bis dahin gilt mein Urlaubsvisum von der Uni.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-02-11-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern vor allem mit mir selbst und Peer Gynt zu schaffen gehabt. Zum sich langsam bessernden Hacken ist jetzt die bekannte Symptomatik f\u00fcr einen Knie-Vorfall hinzugekommen. Seit zwei Tagen ist es wieder geschwollen, mit zunehmender Tendenz. Schmerzen wie beim letzten Mal zun\u00e4chst nur latent. Kann sein, da\u00df da wirklich etwas passieren mu\u00df. 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