{"id":415,"date":"2018-01-27T22:27:48","date_gmt":"2018-01-27T21:27:48","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=415"},"modified":"2019-03-16T14:14:50","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:50","slug":"leningrad-30-10-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-30-10-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 30.10.1991: Schlosser, BM, Tatarenw\u00fcste"},"content":{"rendered":"\n<p>Mich gerade entschieden, heute mal wieder ein bi\u00dfchen mehr dem Image zu dienen, und so nach ungef\u00e4hr vier warmen Hauptmahlzeiten heute \u00fcber Tag, jetzt den Whisky gez\u00fcckt und den Zahnstocher zwischen die Z\u00e4hne geschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag begann schrecklich, denn der angebliche Schlosser fand es trefflich, mich um 9.30 aus dem Bett zu klingeln. Wir verbrauchten dann nur 5h, drei Schl\u00f6sser, einen Hammer-Kaffee, tausenddreiundvierzig Papirossies und ein paar ganz nette Gespr\u00e4che, bis zwei der Schl\u00f6sser fast installiert waren. Er will am Freitag um 19.00 nochmal kommen, und den Rest erledigen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ein interessanter Typ: Ozeanograph, der in vielen Erdteilen schon gewesen ist (als Seefahrer) und jetzt f\u00fcr den selbst f\u00fcr Ru\u00dfland irrationalen Lohn von 170R angestellt ist, davon noch Frau und Kind mitversorgen m\u00fc\u00dfte. Der derzeitige Durchschnittsverdienst liegt ca. bei 500R. So mu\u00df er schwarz also noch einiges hinzuverdienen. Nachdem alles Professionelle geregelt war, bot er seine Freundschaft an. Er erz\u00e4hlte mir auch, bei einer Tasse Kaffee, die er anstatt des Whiskies gerne annahm, nachdem er seinen Chef angerufen hatte um die Erlaubnis einzuholen, sein Schlo\u00df noch etwas l\u00e4nger zu reparieren, von einem interessanten Schwarzmarkt hier namens <em>Sidnej<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach dann zur Uni gegangen, und Studentenvisum bis zum n\u00e4chsten Oktober einschlie\u00dflich ausgestellt bekommen. Au\u00dferdem mein Visum f\u00fcr Deutschland vom 10.12.91-01.01.92. Es wurde mir auch gesagt, da\u00df ich die Trans-Sib-Tour durch sie auch ohne weiteres mir Rubeln machen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach dann zu B.M. gegangen, und ein paar Stunden \u00fcber ihre Freundin Svjetlana in Kiev, und Freunschaft allg. gesprochen. Das Thema Schuld wurde auch kurz angesprochen, als sie mir zu erkl\u00e4ren suchte, warum die russische Seele eine so tragische sei und sich von dieser Tragik auch nicht befreien k\u00f6nnen wird: Sie erz\u00e4hlte mir, da\u00df z.B. sie in einem hohen Schuldbewu\u00dftsein lebte, weil sie sich von der Stalin-Maschinerie, in der ihr eigener Vater umgekommen ist, hat blenden lassen. Sie h\u00e4tte 3 Tage lang geweint, als Stalin gestorben ist und der Partei einen Brief geschrieben, indem sie sagte, da\u00df ohne das Wissen, da\u00df es die Partei g\u00e4be, sie nicht mehr leben wolle, erz\u00e4hlte sie. Und auch nachdem dann zu Khrushtschofs Zeiten, die Verbrechen Stalins bekannt wurden, habe sie weiter in dem Apparat mitgearbeitet und sei jetzt sogar so weit, da\u00df es ihr besser ginge, als den meisten anderen. In der Philharmonie hatte sie Dostojewski zitiert: &#8220;Es ist nicht m\u00f6glich sein Gl\u00fcck auf das Ungl\u00fcck eines anderen zu bauen.&#8221;. Dieses, was allg. nicht nur m\u00f6glich, sondern auch gew\u00f6hnlich ist, scheint ihr wirklich schwer zu fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ins Kino gegangen und einen sehr interessanten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Tatarenw%C3%BCste_(Film)\">ital. Film<\/a> gesehen &#8211; erinnerte mich etwas an Kafkas &#8216;Schlo\u00df&#8217;. Brachte mich auf die Idee, auch einmal etwas mysthisches zum Thema &#8220;Wirklichkeitsverlust&#8221; zu schreiben. Ein entlegender Grenzposten in einer Zeit der nicht-elektrischen Kommunikation bietet sich wegen M\u00e4nnerwelt und Extremsituation als Spielplatz an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"673\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-417\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-9.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-9-300x202.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/DIA-Fuji100_russia_1991_-9-768x517.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Bella Mikhailova und  ihr Sohn Sasha Cherepenin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei B.M. zur\u00fcck, dann weiter \u00fcber Freundschaft, M\u00e4nner und Frauen geredet. Sie erw\u00e4hnte, da\u00df sie nur ein paar Mal in ihrem Leben liebend mit einem Mann geschlafen hat. Bei einem dieser Male sei Sascha entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-01-11-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mich gerade entschieden, heute mal wieder ein bi\u00dfchen mehr dem Image zu dienen, und so nach ungef\u00e4hr vier warmen Hauptmahlzeiten heute \u00fcber Tag, jetzt den Whisky gez\u00fcckt und den Zahnstocher zwischen die Z\u00e4hne geschoben. Der Tag begann schrecklich, denn der angebliche Schlosser fand es trefflich, mich um 9.30 aus dem Bett zu klingeln. 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