{"id":405,"date":"2018-01-27T21:52:22","date_gmt":"2018-01-27T20:52:22","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=405"},"modified":"2019-03-16T14:14:50","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:50","slug":"leningrad-28-10-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-28-10-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 28.10.1991: Uni, BM &#038; Wohnungseinbruchsversuch"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute war einer von jenen Tagen, die schlecht anfangen, dann einen leichten Schwenk zum Schlechteren machen, um wirklich unerwartet \u00fcbel auszuklingen. Hat aber verflucht viel Spa\u00df gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal gr\u00fcndlich verschlafen und dann erst um drei anstatt elf zur Uni gehetzt, um zu erfahren, da\u00df mit 100 $ alles auf die Reihe zu kriegen sei, aber nur, wenn ich noch 22$ in Divisen, die ich nicht habe und auch nicht bekommen kann, draufzahle (f\u00fcr die Visabeh\u00f6rde). Groteskes Land, indem Ausl\u00e4nder alles in Devisen zahlen m\u00fcssen, sie aber nirgends Devisen bekommen k\u00f6nnen. Ich sah meine M\u00f6glichkeit, die kommenden Tickets doch in Rubel kaufen zu k\u00f6nnen also schon an 22$ scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Da dieses ganze Informationsgeschiebe recht lange gedauert hatte, kam ich zu sp\u00e4t, um mir von B.M. wie geplant Einkaufsm\u00e4rkte in der N\u00e4he meiner Wohnung zeigen zu lassen. Sie hatte aber trotzdem alle m\u00f6glichen Sachen f\u00fcr mich mit eingekauft und zudem ein herrliches Dinner gerichtet. Au\u00dferdem hat sie seit gestern den <em>drive<\/em> mich zu kritisieren, d.h. mich ein wenig realistischer zu sehen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li style=\"padding-left: 30px;\">Sie bef\u00fcrchtet, da\u00df meine aristokratischen H\u00f6flichkeitsformen (ich trage im Moment gerade, wie so oft wenn ich in einer sachlich unterlegenen Situation bin, den Gentleman vor) nur \u00c4u\u00dferlichkeiten seien, was ich nat\u00fcrlich nur best\u00e4tigen konnte. H\u00f6flichkeit ist immer \u00e4u\u00dferlich, wie alle Umgangsformen, aber von denen, die ich kenne, diejenige, die ich in den meisten Situationen, f\u00fcr die vern\u00fcnftigste und angenehmste halte. Mir war mit Bernd bei Sylvia nochmal aufgefallen, da\u00df man aus der Gentleman-Figur fast v\u00f6llig frei flexibel agieren kann. Und au\u00dferdem ist es gut dargestellt, eine \u00e4sthetische Wohltat f\u00fcr die Umgebung.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Verfluchte Legende vom echt sein. Die T\u00e4uschung liegt immer beim Entt\u00e4uschten oder aber echt ist nur ein weiterer Euphemismus f\u00fcr &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; ausgeliefert sein einem Gef\u00fchl, was dann zu berechenbarem begrenztem Handeln f\u00fchrt. Jede Darstellung ist aber immer echt, auch die geheuchelte &nbsp; Zuneigung &#8211; eben als <u>geheuchelte<\/u> Zuneigung, nicht aber als Zuneigung oder&nbsp; &nbsp;Liebe. &#8220;Er hat mir etwas vorgespielt&#8221; ist immer &#8220;Ich habe nicht genau hingesehen und Begriffe verwechselt&#8221;. Nat\u00fcrlich gibt es die L\u00fcge trotzdem noch, es ist willentlich oder auch nur wissentlich einen Irrtum erzeugen. Und das tue ich, solange ich Alternativen sehe, die nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig anstrengend sind, nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch wird f\u00fcr den anderen Menschen durch die Tat, nicht durch die Idee.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li style=\"padding-left: 30px;\">Ich sei zu faul, ihr im Austausch f\u00fcr ihren Unterricht die Grundlagen der deutschen Sprache beizubringen. Dazu ist ansich nichts zu sagen, au\u00dfer, da\u00df sie ein Leben damit verbracht hat Kleinkindern Russisch beizubringen, ich aber noch nicht einmal dar\u00fcber nachgedacht habe, welche M\u00f6glichkeiten es im deutschen gibt, den Plural zu bilden.<\/li><li style=\"padding-left: 30px;\">Bei mir zu Hause g\u00e4be es nie etwas zu essen, wenn G\u00e4ste k\u00e4men (nach russischen Gastfreundschaftsidealen bemessen, ein Mega-Fauxpas). Dazu war wirklich nichts zu sagen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen stellte sich heraus, da\u00df sie noch genau 20$ hatte. Ich mache mir langsam Sorgen, soviel Hilfe von anderen anzunehmen &#8211; obwohl es in den meisten F\u00e4llen v\u00f6llig ohne mein Zutun passiert, oft sogar mit meinem Unwillen. Doch ohne die Macht der Sprache, bin ich wirklich relativ hilflos. Ich bin wirklich eher ein Mann des Wortes, als ein Mann der Tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr angenehm ist es auch, da\u00df sie immer ein gro\u00dfes Kulturprogramm hat, in das ich mich &#8211; so sind wir jetzt verblieben &#8211; nach belieben einklinken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann ersch\u00f6pft mit riesiger Essenstasche nach Hause kam, seit langem das erste Mal ohne Taschenlampe im dunklen Treppenhaus, stellte ich etwas irritiert und mit definitivem Unwillen fest, da\u00df ich die \u00e4u\u00dfere Eingangst\u00fcr nicht mehr \u00f6ffnen konnte. Mit Feuerzeug und der hinzugekommenen Handdynamorlampe des Nachbarn, bemerkte ich dann, da\u00df man versucht hatte, bei mir einzubrechen, offensichtlich aber gest\u00f6rt wurde. Nun ja, der Nachbar hat mich darauf zusammen mit seiner Frau (er ist Schiffbauingenieur, sie unterrichtet Informatik, beide sind um die 30) und einem hinzugerufenen Freund, der sich mit handwerklichen Essentials wie T\u00fcren aufbrechen auskannte, in weitere Untiefen russischer selbstloser Hilfsbereitschaft eingeweiht. Selbstlos, weil sie als Reflex pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir riefen dann, nachdem ich eine Weile \u00fcber m\u00f6gliche Konsequenzen f\u00fcr meinen illegalen Aufenthalt in der Wohnung nachgedacht hatte, doch noch einen betrunkenen Milizion\u00e4r hinzu, der aber nur das Aufbrechen der T\u00fcr wachsam verfolgte um dann die Information zur Kenntni\u00df zu nehmen, da\u00df mir nichts gestohlen worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nachbar und sein Kumpel reparierten noch ca. 3h meine T\u00fcr (&#8216;nen neues Schlo\u00df mu\u00df ich mir schleunigst besorgen, denn das wird mit Sicherheit nicht der einzige Einbruchsversuch bleiben; meine offensichtliche westliche Herkunft lockt zu sehr). Ich bot nat\u00fcrlich etwas Entgelt neben meinem Whisky an (100R), f\u00fcr ihre M\u00fchen, woraufhin sie zwar in Versuchung kamen, dann aber doch meinten, da\u00df wir \u00fcber Geld reden w\u00fcrden, wenn sie mir das Schlo\u00df einbauen w\u00fcrden, was ein ziemlicher Akt w\u00e4re, an den ich an sich lieber einen Schlosser ranlie\u00df (ein neuer Platz f\u00fcrs Schlo\u00df wird erst in der dickwandigen T\u00fcr geschaffen werden m\u00fcssen).<\/p>\n\n\n\n<p>Potentielles \u00dcberfallopfer bin ich hier wohl auf jeden Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-29-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war einer von jenen Tagen, die schlecht anfangen, dann einen leichten Schwenk zum Schlechteren machen, um wirklich unerwartet \u00fcbel auszuklingen. Hat aber verflucht viel Spa\u00df gemacht. 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