{"id":394,"date":"2018-01-27T13:44:09","date_gmt":"2018-01-27T12:44:09","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=394"},"modified":"2019-03-16T14:14:50","modified_gmt":"2019-03-16T13:14:50","slug":"leningrad-27-10-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-27-10-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 27.10.1991: Fu\u00df, Tod &#038; Philharmonie"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern mit abgefallenem Fu\u00df zu Hause verbracht. N\u00e4chtliche Ferndiagnose von Mama auf Schleimbeutelentz\u00fcndung bewirkte, da\u00df ich mir um halb f\u00fcnf Uhr morgens noch einen gottverdammten Salbenverband umwickelte. Ansonsten russisch gemacht, gedepried und Ewald den Wurstigen gebissen. Am Abend mit dem Whisky-trinken aufgeh\u00f6rt und sofort harte Entzugserscheinungen ausgel\u00f6st durch einen Tee-Schock bekommen. Hart an der Kotzgrenze. So hatte ich wenigstens keinen Hunger und konnte es mir ersparen, mir mein Dutzend einsam liegende Filme im K\u00fchlschrank anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-401\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-5.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-5-300x200.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/gemischt_-5-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Susan in der Heide<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor allem an Tod gedacht. Daran, da\u00df ich entt\u00e4uscht von Susan bin, da\u00df sie noch lebt, obwohl sie mir doch eine unheilbare Krankheit impliziert hatte und ich dadurch ganz entz\u00fcckt war, da\u00df mir ein so tragischer Mensch wie sie ein so gro\u00dfes Geheimni\u00df er\u00f6ffnet. Daran, da\u00df es ein komischer Umstand ist, da\u00df wir den Tot als pers\u00f6nliches Dilemma erleben k\u00f6nnen. Daran, da\u00df es in Ru\u00dfland so anders nicht ist, weil die Leute hier auch sterben und es wissen. Daran, da\u00df sterben hier sichtbarer ist. Daran, da\u00df im Angesicht des Todes die Mutter am wenigsten fremd ist. Daran, da\u00df der Tot die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe ist, die einem Menschen passieren kann, und da\u00df diese ihm auf jeden Fall passieren wird, er also v\u00f6llig frei ist, die Zeit bis dahin mit beliebigen anderen Katastrophen zu f\u00fcllen. Daran, da\u00df alle pers\u00f6nlichen Geschichten Gut ausgehen, bis die Gro\u00dfe auf jeden Fall schlecht ausgeht. Daran, da\u00df es schwer ist, sich anzusehen, an den eigenen Tot zu denken, und sich nicht verzweifelt zu lieben. Daran, wie viele Charaktereigenschaften der Schlaf wohl mit dem gro\u00dfen Bruder gemein hat. Daran, da\u00df ich ewig leben m\u00f6chte. Daran, da\u00df der Tot ebenso gleichg\u00fcltig lethargisch machen kann, wie gleichg\u00fcltig handlungsaktiv &#8211; auf jeden Fall als Bewu\u00dftseinszustand der gro\u00dfe Equalizer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran, da\u00df Kinder Erwachsene schon deswegen allm\u00e4chtig sprechen, weil sie so ihre Todesangst beherrschen lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute russisch gemacht, mit Fee gesprochen, etwas eingekauft, in Schale geworfen und in Philharmonie gegangen um bestes sovj. Symphonieorchester mit Stardirigenten zu h\u00f6ren (B.M. organisierte die Karten). Danach noch zuf\u00e4llig Iverij [Vitali] beim singen getroffen. Er will mir am Dienstag unbedingt irgendwelche Leute vorstellen und Adressen von Ethnologen in Sibirien geben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Philharmonie sind wirklich alle, auch die offensichtlichen Hippies der etwas seltsamen russ. Etikette angepa\u00dft. Keine Ausnahmen. Man vergi\u00dft so tats\u00e4chlich &#8211; und das ist vielleicht auch Sinn der Sache &#8211; da\u00df man sich im Ranglisten 70&#8217;sten Land nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ob Bl\u00e4hungen vorgestellt, wie einer bei einem Symphoniekonzert lange einen gewaltigen Furz zur\u00fcckh\u00e4lt, weil er das an sich sehr leise St\u00fcck gut kennt, und an der einzigen Stelle, an der ein lauter Paukenschlag (Cello) kommt, der Virtuose gerade einen Herzinfarkt erleidet und der Furz so aller Tragik zum Trotz losdr\u00f6nt, so da\u00df das Publikum sich vor Lachen kaum noch halten kann, obwohl der Solopauker grade dahinscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-28-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern mit abgefallenem Fu\u00df zu Hause verbracht. 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