{"id":298,"date":"2018-01-22T23:55:03","date_gmt":"2018-01-22T22:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=298"},"modified":"2019-10-16T21:04:16","modified_gmt":"2019-10-16T19:04:16","slug":"leningrad-22-10-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-22-10-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 22.10.1991: Irina und der grobmaschige Wollpullover"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht nur diese Beziehung.<br>Ich habe gerade gemerkt, wie dringend ich Sprache als Mittel brauche, um Beziehungen zu stimmen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"667\" height=\"1000\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG201.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-375\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG201.jpg 667w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/IMG201-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 667px) 100vw, 667px\" \/><figcaption>Shitkicker<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Metros hier sind, wie gesagt, voll von Verf\u00e4nglichem. Da ich heute noch dazu in \u201eshit-kicker-Montur\u201c fuhr (Lederstiefel, Lederhose, Lederjacke, Schl\u00e4germ\u00fctze), was ich f\u00fcr angebracht empfand, da ich mich entschieden hatte, heute den Uni-Schei\u00df zu erledigen, streiften mich vielf\u00e4ltige Blicke. Weil diese Blicke aber zum weit gr\u00f6\u00dften Teil von Pasolini-Fressen ausgehen &#8211; oder noch schlimmer: Von misslungenen Westimitationen mit dem &#8220;PTU-fick mich&#8221; Augenaufschlag &#8211; erwiderte ich keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt aber entging mir die k\u00f6rperbejaende Erscheinung einer angenehm rothaarig gef\u00e4rbten Frau nicht. Wir wechselten in der Metro schon einige scheue Blicke und es kam sogar zu einem kurzen <em>&#8220;is venitije!&#8221; &#8211; &#8220;nitschevo&#8221; L\u00e4cheln<\/em>, als sie eine sachte Bremsaktion des Metrof\u00fchrers nutzte, um ihre feste Physiognomie gegen die meine zu dr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war irgendwo klar, da\u00df sie wegen mir am <em>Park Pobjedo<\/em> ausstieg, und es gelang uns sogar das Unm\u00f6gliche zu vollbringen, auf der endlosen Rolltreppe hintereinander zu stehen zu kommen. Dort fiel mir auf, da\u00df sie unter ihrem, mich nur beim Hinsehen schon kratzendem, gro\u00dfmaschig aus grober Wolle gearbeiteten Pullover keine Unterw\u00e4sche trug. Da es nun angesichts ihrer eindeutig auffordernden Blicke schon an einen Euphemismus in Sachen Altersangabe gegrenzt h\u00e4tte, nichts zu sagen, war es an der Zeit, h\u00f6fliche Worte auszutauschen um Ungezogenheiten zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erkl\u00e4rte ihr also, da\u00df ich nichts sagen w\u00fcrde weil ich kein Russisch spr\u00e4che, und so kamen wir ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine Eisdiele, den Wunsch zwecks Abendgestaltung zu telefonieren, meinem bi\u00dfchen Gesamtvokabular, einem Kaffee, einer der beiden zuvor erstandenen Flaschen GLENLIVET! und verdammt viel Wohlwollen, kam es dann nat\u00fcrlich doch zu einem h\u00f6flichen Beisammensein auf zweien der drei Kanapees in meiner Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Beziehung zu ihr gestaltete sich von Anfang an fast ausschlie\u00dflich um&nbsp; Ger\u00fcche: Bevor ich sie \u00fcberhaupt sah, nahm mich ein Geruch von Haar ein, den ich vorher nur in Australien gerochen hatte, und der mich irritierend an Nicky erinnerte. Es waren, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, ihre seit l\u00e4ngerem nicht gewaschenen Haare.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Duft bet\u00f6rte mich, bis er von einem anderen, der mit den H\u00f6flichkeiten einherging, \u00fcberlagert wurde. Zun\u00e4chst allerdings wechselte ich noch meine Socken, weil ich f\u00e4lschlicher Weise davon ausging, da\u00df sie das Zimmer mit einem Hauch von Defizit-Milchprodukten erf\u00fcllten; \u00fcberhaupt schienen wir \u00e4hnliche Duftnoten in mehreren Bereichen zu haben. So glich auch ihr s\u00e4uerlicher Mundgeruch dem meinen, wenn ich mit leerem Magen lustvoll atme. Der sich mit ihr liegend durchsetzende Geruch allerdings, war ein Geruch nach alter Lust und Periode. Erstaunlicherweise lie\u00df er bei mir alles andere als die Lust schwinden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"659\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/STB92-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-300\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/STB92-2.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/STB92-2-300x198.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/STB92-2-768x506.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Irina<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie war sich ihres \u00e4sthetischen Umstandes aber wohl zu bewu\u00dft, als da\u00df sie sich mir ganz zumuten wollte &#8211; vielleicht nahm sie meine Absage an vollkommene H\u00f6flichkeit aber auch ernst. Sie scheint mir durchaus ein besonderer Mensch zu sein, mit Blick f\u00fcrs Wesentliche, vielleicht sogar, was ihre eigenen Vorteile angeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Vormittag verbrachte ich damit, zur Uni zu laufen, und zu erfahren, da\u00df eine Visumsverl\u00e4ngerung mit eingeschlossener \u00c4nderung, nat\u00fcrlich nur f\u00fcr regul\u00e4re, heftig zahlende Studenten m\u00f6glich sei. Da dies aber Ru\u00dfland ist, und die Menschen zumeist auch in der B\u00fcrokratie Menschen und keine Automaten sind, kam auf meine Frage &#8211; mit aufgerissenen Augen des Entsetzens artikuliert <em>&#8220;eto bes alternativa?&#8221; <\/em>ein &#8220;Kommen Sie n\u00e4chsten Freitag noch einmal wieder&#8221;.&nbsp; Obige Frage scheinen Russen nicht gerne zu bejaen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten Kodaklabor in der N\u00e4he des Njevskis entdeckt, zwei Flaschen Glenlivet gekauft, geniales staatliches Restaurant mit franz\u00f6sischer Edit Piaf Musik gefunden, Witali leider nicht photografiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem mal wieder festgestellt, da\u00df all die horrorgeschichten \u00fcber Hooligans, die anders Angezogenen schon alleine deshalb verm\u00f6beln, ausrauben und &#8211; in New York zumindest &#8211; vergewaltigen, spie\u00dfiger Bl\u00f6dsinn gepr\u00e4gt von Kenntni\u00dffreiheit ist. Ira (oder Irina) hat mich trotz meiner Leder-Kluft f\u00fcr einen Russen gehalten und die Blicke, die mich treffen sind meist interessiert und am\u00fcsiert. Auf die Fresse kriegt man zwar auch hier, wenn man will, aber aus anderen Gr\u00fcnden. Wie halt \u00fcberall &#8211; von den Ausnahmen, dort wo Menschen wirklich nichts mehr zu verlieren haben, abgesehen. Aber meist &#8211; und hier besonders &#8211; haben Menschen &#8216;ne Menge zu verlieren. Ihren Glauben an das Gute, an sich selbst als mehr als ein Tier, Werte wie Gastfreundschaft, und nat\u00fcrlich riskieren sie, wenn sie einen Typen wie mich angreifen, ihr leibliches Wohlergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hatte ich letzte Nacht einen mich w\u00e4rmend des Tr\u00e4umens wild am\u00fcsierenden Traum. Ich wachte lachend auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie wohnte ich in einem mehrst\u00f6ckigen Haus mit Garten. Nun passierten eine ganze Menge Dinge, die alle etwas mit mir und mit ziemlich komischen Sexualakten zu tun hatten. Es war alles so easy wie Lukes Boutique. Motiviert war der Traum wohl von meiner Entdeckung in der Vornacht, da\u00df das periodisch-rhythmische Quietschen in der Decke nicht von Ratten, sondern kopulierenden P\u00e4rchen herr\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-23-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur diese Beziehung.Ich habe gerade gemerkt, wie dringend ich Sprache als Mittel brauche, um Beziehungen zu stimmen. Die Metros hier sind, wie gesagt, voll von Verf\u00e4nglichem. 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