{"id":274,"date":"2017-12-28T00:23:48","date_gmt":"2017-12-27T23:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=274"},"modified":"2019-10-16T21:02:07","modified_gmt":"2019-10-16T19:02:07","slug":"leningrad-21-10-1991","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-21-10-1991\/","title":{"rendered":"Leningrad, 21.10.1991: BMs Trauminsel"},"content":{"rendered":"\n<p>Bella Michajlovna wiedergetroffen. Sie war am Wochenende in einem Ort nahe der finnischen Grenze. Aufschlu\u00dfreiche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<p>In schriftlicher sowie gesprochener Form teilte sie mir mit, da\u00df alle Sehnsucht nach Erotik und k\u00f6rperlicher Liebe, die ich bei ihr ausgel\u00f6st habe, sie sich nur im sicheren Land der Phantasie, auf ihrer Trauminsel, vorstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Idee stellte sich bei ihr in Bulgarien ein, als sie mit ihren Freundinnen an einem sch\u00f6nen Strand lag, der nur f\u00fcr Frauen reserviert war. Sie lagen dort nackt zusammen mit anderen Frauen. In diesem Bild der Sch\u00f6nheit erkannte B.M. die Verg\u00e4nglichkeit ihres eigenen Fleisches (?). Auch bemerkte sie, da\u00df ihre Art, diese Inkarnation von Sch\u00f6nheit zu betrachten &#8211; ohne sie st\u00f6ren zu wollen &#8211; eine sehr weibliche war. Sie dachte an die Zeit mit ihrem Mann, in der sie sich immer sehr vor einer Abtreibung f\u00fcrchtete und deshalb kaum k\u00f6rperliche Liebe erleben konnte. Und sie wollte nicht einsehen, da\u00df jetzt, da sie vor unfreiwilliger Befruchtung (Abtreibung ist hier in Russland wohl wirklich das g\u00e4ngigste Verh\u00fctungsmittel, oft auch das einzige, das zur Verf\u00fcgung steht) keine Angst mehr zu haben brauchte, sie diese Freude nicht mehr erleben d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Idee, da\u00df Sex eine Freude sein kann, h\u00e4tte ich sie im August gebracht, als ich in einem Gespr\u00e4ch beil\u00e4ufig den Satz fallen lie\u00df &#8220;<em>sex can be beautiful&#8221;<\/em> . Da sie sich aber dem Limit ihrer k\u00f6rperlichen M\u00f6glichkeiten wohl zu sehr bewu\u00dft war, schuf sie sich absichtlich ihre Trauminsel, auf der ich sie in das Mysterium dieses Satzes einf\u00fchre.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nach ihren Aussagen, k\u00f6nne das auch nur auf dieser Insel passieren. Ich glaube ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie dr\u00fcckte ihr Bedauern dar\u00fcber aus, da\u00df Sie mich &#8220;wie ein wildes Tier&#8221; anfiel, gleich nachdem ich angekommen war, und versteht meine abschottende (\u00dcber-)Reaktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinem ersten Brief, in dem ich Distanz mehr in der Form als im Inhalt fand, hielt sie entgegen, da\u00df wir keine &#8211; wie von mir hilflos als R\u00fcckzugsphrase eingesetzt &#8211; Freunde seien. Das, was wir seien, w\u00e4re in ihren Augen ein Wunder und entbehre jedweder Kategorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz schrieb sie in dem dann revidierten Abschlu\u00dfteil ihres Schriftst\u00fccks, da\u00df wir nur weiter &#8220;miteinander seien k\u00f6nnten&#8221; (habe ich zuvor <u>falsch<\/u> interpretiert!), wenn ich meine Freiheit (egozentrischen Eigenwillen) nicht an die erste Stelle meines Verhaltens ihr gegen\u00fcber stellen w\u00fcrde. Das durchstrich sie aber, mit der Bemerkung, da\u00df sie bei unserem heutigen Treffen (genau: durch meine P\u00fcnktlichkeit = Zuverl\u00e4ssigkeit = Respekt) die \u00dcberfl\u00fcssigkeit dieser Bemerkung gesehen hat. Sie m\u00f6chte von mir nicht mehr als n\u00f6tig gequ\u00e4lt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich vielleicht am meisten an ihr besticht, ist, da\u00df sie bisher alle meine Flucht-Phrasen durchschaut hat, und sie schonungslos sich selbst gegen\u00fcber aufgedeckte. Sie ist das absolute Gegenteil von unredlich.<\/p>\n\n\n\n<p>So hat sie meine euphemystische Aussage <em>ja ljublju vsjo, schto ljudi mogut delatch, i patamu schto chotschu slutschatch vam <\/em>als solche erkannt und erwidert, da\u00df meine \u201eLiebe\u201c zu all diesen menschlichen Dingen ein vojeuristisches Interesse sei, das die Dinge zum Objekt machen w\u00fcrde, und da\u00df sie dieses Objekt nicht seien will. Ich erwiderte <em>eto bes alternativi<\/em>. Sie verstand und schluckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon be\u00e4ngstigend, von einem so von Seele vollen Menschen geliebt zu werden. Vor allem, weil es nur allzu deutlich ist, da\u00df ich diese Beziehung nicht mit meinen Begriffen laufen lassen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-22-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bella Michajlovna wiedergetroffen. Sie war am Wochenende in einem Ort nahe der finnischen Grenze. 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