{"id":232,"date":"2017-12-27T14:53:20","date_gmt":"2017-12-27T13:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=232"},"modified":"2019-10-16T20:04:55","modified_gmt":"2019-10-16T18:04:55","slug":"leningrad-14-10-1991-lessons-in-love","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/leningrad-14-10-1991-lessons-in-love\/","title":{"rendered":"Leningrad, 14.10.1991: Lessons in love"},"content":{"rendered":"\n<p>OK, jetzt habe ich es ja doch noch geschafft: Nach zwei langen Tagen und N\u00e4chten in Leningrad packt mich mein Lieblingsthema doch noch &#8211; <em>I&#8217;m out there!<\/em>. Nicht etwa nur in der beschaulichen Distanz \u00f6ffentlicher Betrachtung, nein, ganz privat und pers\u00f6nlich; und voll frontal.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4nner, Frauen, Kraft, Sex, Leben, Tod, Angst, abgek\u00fcrzt und mi\u00dfverst\u00e4ndlich L.I.E.B.E. genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Angefangen hat alles wohl damit, da\u00df ich die letzten paar zweiundzwanzig Jahre damit besch\u00e4ftigt war, Schulden anzuh\u00e4ufen, indem ich mir Menschen fortw\u00e4hrend wohl tun lie\u00df. Bisher wurden selten R\u00fcckzahlungen verlangt, noch seltener in Devisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute allerdings verlangte die Kuckucksfrau die volle Summe mit Zinsen und Zinseszinsen f\u00fcr Unaufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag fing damit an, da\u00df ich mich noch etwas bettschwer um zehn Uhr Morgens ans klingelnde Telefon w\u00e4lzte, um von Bella Michailovna zu erfahren, da\u00df ich mich schon eine halbe Stunde sp\u00e4ter, zwecks notwendiger Registrierung mit ihr irgendwo in der Pampa treffen m\u00fcsse. Die Registrierung schien f\u00fcr mich die letzte H\u00fcrde vor einem ruhigen Einstieg hier zu sein, weil ich ja mit einem Studentenvisum eingereist bin, aber nicht an der genannten Universit\u00e4t studieren werde. Da die Leningrader Uni so schlecht wie geldgeil ist, sah ich meine einzige Chance darin, mich nicht an der Uni registrieren zu lassen, sondern in dem Rajon, indem ich angeblich wohnen w\u00fcrde (bei B.M.). Wir brauchten kaum ein paar Stunden um herauszufinden, da\u00df die Registriegung nur an der Uni selbst stattfinden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das brachte meinem Golowa vor allen Dingen die Tatsache zu Bewu\u00dftsein, da\u00df Mr. Filipow, der Typ von dem ich im August die offizielle Einladung erhalten hatte, schon seit September sehns\u00fcchtig auf meine Devisen und mich wartete. Ich sah mich also schon wieder mit High Tech (die darf man n\u00e4mlich, wurde sie an der Grenze deklariert, bei der Ausreise nicht zur\u00fccklassen) nach Berlin fahren, und B.M.&#8217;s Privateinladung abholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem wir erst einmal noch von ein paar hundert unwissenden Leuten zum Bezirksamt zur\u00fcckgeschickt wurden, von dort wieder zur Uni, und Mr Filipov im Urlaub war, gelang es uns doch Dank B.M.&#8217;s einnehmendem und vertrauensw\u00fcrdigem Auftreten und meiner eindrucksvollen Erscheinung kombiniert mit dem <em>ich bin zwar sehr nett aber nicht besonders verst\u00e4ndig &#8211;<\/em> L\u00e4cheln registriert zu werden und sogar noch einen offiziellen Studentenausweis zu bekommen. Die M\u00e4dchen waren &#8211; wie immer &#8211; sehr hilfsbereit, obwohl sie von der immer etwas scharf nach K\u00f6rpersekreten riechenden B.M. noch zum Dank an ihren gro\u00dfen Busen gezogen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>[Eben rief grade irgendein Freak aus S\u00fcdafrika an. Dem authentischen Akzent und der schlechten Verbindung nach zu urteilen, war es wohl wirklich S\u00fcdafrika und nicht der den Ger\u00fcchten und Berichten nach noch sehr aktive KGB. Trotzdem er sich verw\u00e4hlt hatte, wollte er, wohl auch etwas \u00fcberrascht davon, einen englischsprechenden Deutschen hier in Leningrad an die Strippe bekommen zu haben, allerlei wissen.]<\/p>\n\n\n\n<p>Den Universit\u00e4tskomplex verlassend, bedankte ich mich bei B.M., woraufhin sie wie im Scherz erwiderte, eine Phrase sei daf\u00fcr nicht genug. Ich dann, auch nur noch wie im Scherz, &#8220;Schto eschtscho?&#8221;, sie: &#8220;Ja podumaju&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war an dem heutigen Tag nicht das erste Mal, da\u00df sie eine Gegenleistung f\u00fcr ihre vielen Hilfeleistungen andeutete. Ich hatte auch schon manchmal mit dem Gedanken gespielt, da\u00df B.M., die die Schl\u00fcsselfigur f\u00fcr die Leichtigkeit der Organisation meines Ru\u00dflandaufenthaltes geworden war, mich als Westkontakt nutzbar machen w\u00fcrde. Ich fand das normal und konnte mich bei ihr auf einige Direktheit in der Ver\u00e4u\u00dferung ihrer Bed\u00fcrfnisse verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit wartete ich geduldig ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erw\u00e4hnte auf dem Ulissus-Artigen Nach-Hause-Weg mit bis zum Erbrechen vollen, zu aggressivem K\u00f6rperkontakt mit schwitzenden Russen zwingenden \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln &#8211; die leider reziprok zu den Benzinpreisen zu Verf\u00fcgung stehen- beil\u00e4ufig, da\u00df sie mir einen Brief geschrieben habe, indem sie Antworten auf die am Vortag von ihr aufgeworfenen Fragen gefunden h\u00e4tte. In diesem Gespr\u00e4ch hatte Sie mir vor allem von dem Seelenleid erz\u00e4hlt, da\u00df f\u00fcr sie aus der (Un-) Tugend erw\u00fcchse, stark zu sein, sich selbst zum vermeintlichem Wohle Anderer zur\u00fcckzunehmen. Ihr Auftritt war kraftvoll und eindrucksvoll wie immer. Sie verblieb allerdings mit der Aussage, da\u00df sie nicht wisse, wie Freiheit ihr schmeckt und ob es f\u00fcr sie \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein wird, frei zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Verdammte Russen. Ich hatte ja keine Ahnung da\u00df sie damit <em>Bekenntnis zur Weiblichkeit und zu &#8220;Frau sein&#8221;&nbsp;<\/em>meinte. Die Bedeutung der hier benutzten W\u00f6rter lernt man am besten kennen, wenn man sich ein viktorianisches W\u00f6rterbuch russisch-englisch zulegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause angekommen umfing sie mich &#8211; wie immer, und von mir auf normale russische Gastreundschaftserkrankung zur\u00fcckgef\u00fchrt &#8211; mit allen Zuvorkommnissen des Alltags, die Mann von Frau, <em>ransche<\/em>, erwarten kann. Ich hatte schon l\u00e4ngst aufgegeben, mich gegen von ihr durchgef\u00fchrten exklusiven Abwasch, Essens-Zubereitung, Auf- und Abtragen, Telephonate ausf\u00fchren&#8230; zu wehren und schob es auf Mentalit\u00e4tsunterschiede.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mich dann &#8211; zum ersten Mal erfolgreich &#8211; gegen eine erneute, fleischhaltige Mahlzeit zur Wehr setzte, gab sie mir ihren Brief zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heftige Liebeserkl\u00e4rung einer alternden Frau, voller unbedarfter Erotik. Sich selbst, das ist den eigenen Bed\u00fcrfnissen, klar bewu\u00dft, im Geiste agil, im Herzen jung&#8230; sehr jung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sa\u00df die Zeit, die ich den Brief, mit dem konkreten Bed\u00fcrfnis die Fassung ganz zu wahren, las, mit rotem Kopf neben mir. Das anschlie\u00dfende Gespr\u00e4ch war ebenso klar und direkt wie der (halb auf russisch, halb auf &#8220;sort-of-english&#8221;) geschriebene Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Notwendigkeit sehr einfacher Sprache zwingt nat\u00fcrlich auch zu peinlicher Klarheit, aber ich glaube da\u00df dies eine nat\u00fcrliche F\u00e4higkeit B.M.&#8217;s ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir viel au\u00dfer <em>Ich bin homo<\/em> zun\u00e4chst nur sehr wenig ein, und mir wurde erst langsam klar, da\u00df dort eine Frau und kein altes ungef\u00e4hrliches M\u00fctterchen vor mir sa\u00df. Eine Frau! Mit einem Haufen Seele voll von Lust, Leid, Liebe, Begierde, Hass und wahrscheinlich feuchter Scham. Ich roch unwillk\u00fcrlich an meinen Fingern und assoziierte sehr konkret Fisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich will sie nur umsorgende (Ehe-) Frau f\u00fcr mich sein, die durch mich nichts weiter als Z\u00e4rtlichkeit und Z\u00e4rtlichkeiten (w\u00f6rtlich: <em>endearments<\/em>&nbsp;&#8220;=Liebkosungen&#8221;) kennen lernen m\u00f6chte. Allerdings erw\u00e4hnte sie auch etwas gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig und von Schwanzloyalit\u00e4t verdorben, da\u00df sie, jetzt da sie frei sei, mich wenn sie wolle, haben k\u00f6nnte (&#8220;mit mir seien k\u00f6nnte&#8221;). M\u00e4nner, die eine Frau nicht haben kann, g\u00e4be es nur im Kino, sagte sie. Ich versuchte gegenzuschocken und schlug etwas hilflos meine Homosexualit\u00e4t vor (hier an sich noch Tabu genug, um zu schocken), worauf hin sie ihren Griff etwas lockerte, und mich wissen lie\u00df, da\u00df sie keinen sexuellen Kontakt antizipiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte einen erstaunlichen Brechreiz, als ich ihr Haus verlie\u00df, war allerdings auch angenehm gespannt auf meine Reaktion, die kommenden Tage, den wartenden Knockando, die Schreibmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mir ist be\u00e4ngstigend klar, da\u00df ihr Verhalten vollkommen richtig ist. Ich habe ihr nichts vorzuwerfen &#8211; verstehe Susan dadurch vielleicht etwas besser.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-15-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>OK, jetzt habe ich es ja doch noch geschafft: Nach zwei langen Tagen und N\u00e4chten in Leningrad packt mich mein Lieblingsthema doch noch &#8211; I&#8217;m out there!. Nicht etwa nur in der beschaulichen Distanz \u00f6ffentlicher Betrachtung, nein, ganz privat und pers\u00f6nlich; und voll frontal. 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