{"id":218,"date":"2017-12-27T13:57:32","date_gmt":"2017-12-27T12:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=218"},"modified":"2019-10-16T20:03:29","modified_gmt":"2019-10-16T18:03:29","slug":"petersburg-d-12-10-1991-fahrt-und-ankunft-nach-und-in-leningrad","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/petersburg-d-12-10-1991-fahrt-und-ankunft-nach-und-in-leningrad\/","title":{"rendered":"Petersburg, 12.10.1991: Fahrt &#038; Ankunft in Leningrad"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Zug schon Paradebeispiel von nicht zur Intelligenzija geh\u00f6rendem Wissenschaftler kennengelernt. Ein &#8220;dirty old man&#8221; par excellence.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein allzu oft artikuliertes Interesse an meinen Bekannten und denen, die es im Zug wurden, beschr\u00e4nkte sich auf die Frage, ob sie &#8211; wenn es Frauen waren &#8211; &#8220;gut&#8221; seien. Er &#8211; ein widerw\u00e4rtiger, stinkender Kr\u00fcppel, k\u00f6rperlich weit \u00fcber alles das hinaus, was man noch mit Fr\u00fchling, und sei es der f\u00fcnfte, bezeichnen k\u00f6nnte, der zudem a\u00df, wie eine ausgehungerte Made im Erbrochenem und dem kaum eine Bitte zu peinlich zum Aussprechen war &#8211; nutzte dann auch eine l\u00e4ngere Abteilabwesenheit von mir um seinen im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg zerschossenen Arm fummelnd unter die Decke einer gutmeinenden (was die Gallonen von Wodka angeht, die sie vom Alten aufgefordert bereitwillig stiftete) Mitreisenden zu schieben.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u00e4hnlicher Manier wartete ein Este lechzend geschlagene zwei Stunden vor meinem Nachbarabteil, trotzdem er sich von Wodka stinkend kaum auf den Beinen halten konnte. Als ich den drei alleine Reisenden jungen Russinnen, die ich in der Vornacht auf ihre Initiative hin kennengelernt hatte, etwas Wasser vorbeibringen wollte, und sich auf mein Klopfen hin niemand meldete, war ich die 5 min. etwas irritiert, die der b\u00f6se Onkel brauchte, um mir die Worte &#8220;oni ne otkrivajut&#8221; entgegenzustammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer weiteren halben Stunde hatte er sich dann aber doch Einla\u00df verschafft und ich verbrachte den kurzen Rest der Zugfahrt damit, den David Hasselhoff zu spielen, indem ich meinen, im mannhaften Schulterschlu\u00df vermeintlich neu gewonnenen Mitstreiter davon abhielt, das Abteil der M\u00e4dchen von innen zu verriegeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das von Frauen M\u00e4nnern gegen\u00fcbergebrachte Mi\u00dftrauen, da\u00df sich vor allem in einer sehr einseitigen Interpretation von entgegengebrachtem oder erwidertem Interesse ausdr\u00fcckt und hier vielerorts zu beobachten ist, ist nach diesem Auftakt f\u00fcr mich etwas besser nachzuvollziehen. Das Rollenverst\u00e4ndni\u00df von <em>Ich bin der Schwanz, du bist der Rest<\/em> klappt in der jungen Generation wohl nicht einmal mehr an der Oberfl\u00e4che. Weibchenhaftes Dummgetue, das M\u00e4nner angeblich so oft den Kerl erst raush\u00e4ngen l\u00e4\u00dft, habe ich&nbsp; hier bisher nur in den Beschreibungen von M\u00e4nnern gefunden. Die drei Studentinnen z.B. waren schamhaft, lie\u00dfen sich aber auf tiefersch\u00fcrfende Gespr\u00e4che wohl vor allem deshalb nicht ein, weil sie meinem hehren Interesse mi\u00dftrauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bella Michailowna holte mich unerwartet vom Bahnhof ab. Wie ich mich mit den nunmehr \u00fcber 100kg Gep\u00e4ck ohne sie gestaltet h\u00e4tte, wei\u00df ich nicht. Es w\u00e4re auf jeden Fall ein ziemlicher Stunt gewesen. Sie war gro\u00dfartig wie immer: Dezent und unauff\u00e4llig, bis man sie dann tats\u00e4chlich braucht (sie machte sich z.B. erst bemerkbar, nachdem ich mit einem Glas Sekt von den Familien der M\u00e4dchen, mit denen ich zusammen ausgeladen hatte, verabschiedet worden bin).<\/p>\n\n\n\n<p>Leningrad ist so leer von erotischen Blickf\u00e4ngen, wie beim letzten Mal. Nur da\u00df nun auch noch die West-Touristen mit stimmigem modischen Schick ausfallen. Es ist eine wirkliche Erholung f\u00fcr die Sinnesorgane, ausgenommen vielleicht Nase und Ohren, denn in diesem Metier h\u00e4lt die Umweltverschmutzung Leningrads dem internationalen Vergleich l\u00e4ssig stand. Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zu westlichen Umweltfaktoren ist, da\u00df von den \u00f6stlichen die wenigsten bewu\u00dft von Menschen inszeniert werden, wohingegen im Westen fast jeder wahrgenommene Reiz irgendeinem von Menschen ersonnenem Zweck dient, meistens dem Schaffen neuer Marktl\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das, was hier wahrzunehmen ist, w\u00fchlt eher auf, als da\u00df es einlullt: Das, was die Menschen hier in ihren Gesichtern durch den Alltag schleppen, sind die gro\u00dfen menschlichen Regungen, zumeist die dunklen; wie Resignation, Aggression, Fatalismus, Melancholie aber auch Milde, Wohlwollen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr menschliche Schw\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Blick bleibt hier oft auf Gesichtern haften, zumeist von nicht mehr jungen M\u00e4nnern oder M\u00fcttern. Auch das Leben selbst ist hier nicht auf dem Stand der West-Technik: Es zeichnet die Gesichter nicht, es schl\u00e4gt sie mit Hammer und Mei\u00dfel ein. Die hinterlassenen Furchen sind so tief wie das Leid, das im Bindestrich zwischen dem historischen Determinismus und der jeweiligen pers\u00f6nlichen Geschichte zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"682\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DIA_o0155_sw-rest.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-219\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DIA_o0155_sw-rest.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DIA_o0155_sw-rest-300x205.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DIA_o0155_sw-rest-768x524.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Kusnetsovskaya &#8211; Blick auf das Fenster und aus dem Fenster<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Wohnung ist gro\u00dfartig, leider noch nicht fertig restauriert. Sie ist f\u00fcr russische Verh\u00e4ltnisse erstaunlich gut in Schu\u00df, nur riecht es jetzt \u00fcberall nach Farbe, deren L\u00f6sungsmittel aus der chemischen Waffenherstellung stammen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr sch\u00f6n alleine zu sein und daf\u00fcr war es Wert, sich allen heutigen Einladungen entgegen zur Wehr zu setzen, was hier zur Sisyphusarbeit werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ersten Tag in Leningrad verbrachte ich mit B.M. zusammen au\u00dferhalb der Stadt, in einem naturnahen Erholungsgebiet, in dem viele bekanntere Leute ihre Datschen haben oder hatten &#8211; so auch Anna Achmatova. B.M. sagte mir, da\u00df Sie fr\u00fcher oft in dem Gebiet gewesen sei, wenn ihre Seele schmerzte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-13-10-1991\/\">next page<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-erster-versuch\/\">\u2191 One level up \u2191<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zug schon Paradebeispiel von nicht zur Intelligenzija geh\u00f6rendem Wissenschaftler kennengelernt. Ein &#8220;dirty old man&#8221; par excellence. Sein allzu oft artikuliertes Interesse an meinen Bekannten und denen, die es im Zug wurden, beschr\u00e4nkte sich auf die Frage, ob sie &#8211; wenn es Frauen waren &#8211; &#8220;gut&#8221; seien. 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