{"id":1369,"date":"2018-03-11T21:26:47","date_gmt":"2018-03-11T20:26:47","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1369"},"modified":"2019-03-16T14:16:29","modified_gmt":"2019-03-16T13:16:29","slug":"tbilissi-13-marz-1993","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilissi-13-marz-1993\/","title":{"rendered":"Tbilissi, 13. M\u00e4rz 1993: Hausbesuch von der Gewalt (Argo)"},"content":{"rendered":"<p>Dank Dato einen echten <em>naebnik<\/em> bei mir gehabt und nur mit N\u00f6ten ohne eingeschlagene Fresse wieder aus dem Haus bekommen:<\/p>\n<p>Dato rief nachmittags angetrunken an, um zu fragen, ob er mit seinem Stiefvater vorbeikommen k\u00f6nnte. Ich wu\u00dfte schon aus fr\u00fcheren Erz\u00e4hlungen, da\u00df mir, willigte ich ein, \u00dcbles bevorst\u00fcnde. Der Krieger sollte ein echter Todessucher sein, und wie beschrieben, so trat er ein. Beide waren betrunkener als erwartet.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Abry_1993_StPetersburgbesuch-67.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1690\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Abry_1993_StPetersburgbesuch-67.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"652\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Abry_1993_StPetersburgbesuch-67.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Abry_1993_StPetersburgbesuch-67-300x196.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Abry_1993_StPetersburgbesuch-67-768x501.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er, ein Brecher von Mitte Drei\u00dfig, der kaum durch meine Eingangst\u00fcr pa\u00dfte, und derma\u00dfen vom Leben entt\u00e4uscht war, da\u00df es mit ihm kein anderes Gespr\u00e4ch geben konnte, als den Krieg. Ich hatte keine Lust auf sein seichtes M\u00e4nnergequatsche, so in der Art; habe einmal geliebt, sie ist frecher Weise gestorben [Datos Mutter], bin deshalb in den Kriege gezogen um den Tod im T\u00f6ten von Anderen zu suchen und glaube fest an Gott &#8211; hier meine f\u00fcnfundsechzig Kreuze um den Stiernacken.&#8221;, gab also Konter.<\/p>\n<p>Da ich es ihm nahm, eine gemeinsame Sprache mit mir zu finden, auch weil mir seine Position tats\u00e4chlich von Interesse war, fing er dann pl\u00f6tzlich an, wie ein Bl\u00f6der sein Messer zu suchen &#8211; vielmehr trieb den in die Schamhaftigkeit getrunkenen Dato auf Russisch dazu an (w\u00e4hrend ich Essen zubereitete), sein Messer bei mir zu suchen. Die Show, die er sich selbst nat\u00fcrlich glaubte, war f\u00fcr meine Ohren bestimmt und so wurde er, solange ich nicht reagierte \u2013 w\u00e4hrend Dato alles auf sich nahm, sogar sein franz\u00f6sischen, vom leiblichen Vater geschenktes Messer zur Befriedung anbot, ahnend, was da kommen k\u00f6nnte \u2013 immer unversch\u00e4mter. Ich setzte mich also ihm gegen\u00fcber und brachte die unausweichliche Konfrontation zum Ausbruch; das allerdings in seiner Sprache. Da mir das gelang, entgingen wir der Schl\u00e4gerei (die mich breitgeklopft gelassen h\u00e4tte) und k\u00fcmmerten uns dann um den entlaufenen Dato &#8211; dem das alles so peinlich war, da\u00df er sich auf dem Klo mit seinem Messer absichtlich die Hand aufschlitzte, bevor er heimlich und hilflos das Weite suchte. Auf der Suche nach ihm, gelang es mir dann auch, den Krieger abzusch\u00fctteln und kam so &#8211; ohne Dato gefunden zu haben &#8211; wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Anstrengend mit Berufskillern an einem Tisch zu sitzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf seine Aussage hin, da\u00df die jungen Leute den Glauben verl\u00f6ren, fragte ich ihn, ob er selbst denn gl\u00e4ubig sei. Als er dies bejahte, wollte ich wissen, was er denn von einem Gott zu erwarten habe, der geschrieben hat &#8220;Du sollst nicht t\u00f6ten!&#8221;. Er, der ohne in der Mafia organisiert zu sein, in Gesch\u00e4fte geht und sich kostenlos bedienen l\u00e4\u00dft, erkl\u00e4rte mir nicht besonders geduldig, da\u00df er immer, nachdem er jemanden umgebracht h\u00e4tte, in die Kirche geht&#8217; und eine Kerze f\u00fcr sein Opfer anz\u00fcnde. Ich fragte, ob er denn glaube, da\u00df das den Schmerz der Mutter lindere und er erwiderte, da\u00df den Schmerz seiner Mutter auch niemand lindern werde. &#8220;W\u00fcrdest du f\u00fcr dein Land nicht k\u00e4mpfen?&#8221; fragte er.<\/p>\n<p>&#8211; F\u00fcr die Menschen, die ich liebe, vielleicht. F\u00fcr eine formale Einheit meines Landes mit Sicherheit nicht.<\/p>\n<p>Das verstand er nicht.<\/p>\n<p>&#8211; Und wenn deinem Freund neben dir von einem feindlichen Gescho\u00df der Sch\u00e4del platzt, wie reagierst du dann?<\/p>\n<p>&#8211; Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht w\u00fcrde ich weinen, oder hassen, oder &#8230;<\/p>\n<p>&#8211; &#8220;Oder weglaufen&#8221;, schlug er vor.<\/p>\n<p>&#8211; &#8220;Oder weglaufen&#8221;, sagte ich, und dachte an den Russen, der eben deshalb mit dem K\u00e4mpfen aufgeh\u00f6rt hatte).. &#8220;Und wie reagieren Sie? Sie sch\u00f6pfen doch wohl aus einem gr\u00f6\u00dferen Erfahrungsschatz hier &#8230; &#8221;<\/p>\n<p>&#8211; Ich wei\u00df nicht, aber bei mir weckt so etwas das Tier in mir. Ich gehe los und bringe andere um.<\/p>\n<p>&#8211; Wen wollen Sie eigentlich besch\u00fctzen? Doch wohl die Menschen, die sie Lieben. Und gibt es solche in Abchasien?<\/p>\n<p>&#8211; Ich liebe niemanden.<\/p>\n<p>&#8211; Damit ist unsere Unterhaltung gegenstandslos. Ich w\u00fcrde jetzt gerne das Thema wechseln &#8230;<\/p>\n<p>Wir unterhielten uns dann noch, nachdem er seinen Aggressionen in der Messeraktion Luft gemacht hatte, \u00fcber die Zeit, als er noch ein Mensch war. Tats\u00e4chlich ist er Datos Stiefvater und der einzige Mensch, den er je liebte, das war Datos Mutter, die vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist. Nach ihrem Begr\u00e4bnis verbrachte Alex vier Tage und N\u00e4chte auf dem frischen Grab, bis Dato ihn nach Hause holte. Dort hielt er, damals noch Geophysiker, es aber nicht lange aus und zog in den ersten Krieg, aus dem er von 140kg Muskelmasse auf seine heutige Dimension von 110kg abgemagert zur\u00fcckkahm. Seitdem hat er st\u00e4ndig in vorderster Front gek\u00e4mpft, ohne seinen Tod zu finden. Ich schlug ihm vor, sich vielleicht doch lieber mit Alpinismus zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Dato sagte mir im Vertrauen, da\u00df seine Mutter bis zu letzt seinen schmierigen Vater geliebt habe. Als der Gevatter die Sense schon zum letzten Streich angesetzt hatte, wenige Stunden vor dem Exitus, bekam sie es noch irgendwie mit, dass Dato von der Exkursionsreise, die sein Vater leitete, gegen den Willen und ausdr\u00fccklichen Befehl des Vaters fr\u00fcher zur\u00fcckgekehrt war, um sich von der Mutter zu verabschieden. Dato war im Camp von einer Zecke gestochen worden und f\u00fchlte sich von daher nicht ganz wohl. Die Gespr\u00e4che liefen vor der verscheidenden Mutter, weil keiner sie mehr bei Bewu\u00dftsein w\u00e4hnte. Pl\u00f6tzlich fragte sie aber vollkommen klar ihre wohl letzten Worte: &#8220;Und Collja, was ist mit ihm? Er ist doch nicht auch gebissen worden?&#8221;<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/TbilDatoKolia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1441\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/TbilDatoKolia.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"566\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/TbilDatoKolia.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/TbilDatoKolia-300x170.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/TbilDatoKolia-768x435.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilissi-14-marz-1993\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank Dato einen echten naebnik bei mir gehabt und nur mit N\u00f6ten ohne eingeschlagene Fresse wieder aus dem Haus bekommen: Dato rief nachmittags angetrunken an, um zu fragen, ob er mit seinem Stiefvater vorbeikommen k\u00f6nnte. 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