{"id":1179,"date":"2018-03-09T11:03:17","date_gmt":"2018-03-09T10:03:17","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1179"},"modified":"2019-03-16T14:15:43","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:43","slug":"tbilisi-6-dezember-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-6-dezember-1992\/","title":{"rendered":"Tbilisi, 6. Dezember 1992: Inesa und Losha treten in mein Leben (Svobodnaya Gruzia)"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Tengis\/Maja eine Ienesa kennengelernt, die als Journalistin bei WTSCHERNY TBILISI arbeitet. Mit ihr und einem weiteren Mitarbeiter namens Ljoscha in der Pr\u00e4miere des &#8220;Kirschgartens&#8221; von Tschechow gewesen. Die Auff\u00fchrung \u00fcber in ihren verlorenen Paradiesen gefangene versp\u00e4tete Aristokratie, war sehr schwach. Das Publikum, zu einem gro\u00dfen Teil aus Sch\u00fclern bestehend, eher selbstdarstellerisch laut und st\u00f6rend (Schmatzger\u00e4usche bei sehr k\u00fcnstlichen Filmk\u00fcssen &#8230; ). Zum Kirschgarten selbst stellte sich mir die Frage, ob die verlorenen Paradiese erst durch ihren Verlust zum Paradies werden, oder tats\u00e4chlich der Boden sind, in den sich die Wurzeln des Mensch-seins gegraben haben und aus denen er Identit\u00e4t und Kraft sch\u00f6pft.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/DIA-Fuji100_russia_1998_-63.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1215\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/DIA-Fuji100_russia_1998_-63.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"671\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/DIA-Fuji100_russia_1998_-63.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/DIA-Fuji100_russia_1998_-63-300x201.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/DIA-Fuji100_russia_1998_-63-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Frage wurde heute wieder aufgeworfen, als wir bei einer armenischen K\u00fcnstlerin Namens <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Gayane_Khachaturian\">Gajane<\/a> (Soki, = armenische J\u00fcdin) zu Gast waren. Sie bezeichnet Tbilisi als ihren Atem, ihr Element, aus dem sie alle Schaffenskraft sch\u00f6pft. Ohne das, k\u00f6nne sie nicht sein, ginge ihr der Tiefgang verloren.<\/p>\n<p>&#8220;Brennt Tbilisi, brenne ich mit ihm, geht es unter, gehe ich mit.&#8221; Das m\u00f6glichst genaue Kennenlernen, Erkunden und Erf\u00fchlen ihrer direkten Umgebung ist ihr sehr wichtig. Auch wies sie mich darauf hin, als ich einen Weltensammler wie Graham Green vorschlug, da\u00df zum Erleben einer neuen Welt, eine alte erst sterben m\u00fcsse. Ohne diesen Tod, g\u00e4be es keine Geburt.<\/p>\n<p>Weiter leitete sie das Fehlen von Manifestation sch\u00f6pferischen Genies von Frauen ab aus deren Unf\u00e4higkeit in Einsamkeit zu sein. Sie sagte, da\u00df sie einen K\u00fcnstler nur ernstnehme, wenn er es verm\u00f6ge wirklich einsam zu sein. Nur dann kann er sch\u00f6pferisch t\u00e4tig sein. Frauen haben Angst vor der Dunkelheit und verm\u00f6gen <em>es <\/em>nicht diese zu ertragen. Sie brauchen Menschen und W\u00e4rme um sich. Ich schlug meine Theorie vor, nach der Sch\u00f6pfungsdrang geboren wird aus dem Bewu\u00dftsein des Menschen um seine Einsamkeit und seinen Tod. Also aus dem urs\u00e4chlichen Leid heraus. Und da\u00df M\u00e4nner nun weitaus einsamer in dieser Welt sind, unf\u00e4hig Leben zu schenken und dadurch in unmittelbarsten Kontakt zur Umwelt zu treten; also die Qual der Einsamkeit zu vermindern, indem die Egozentrik gedem\u00fctigt wird im Bewu\u00dftwerden des gleichwertigen umgebenden Seins. Nicht die Einsamkeit selbst k\u00f6nnen Frauen leichter \u00fcberwinden als M\u00e4nner, sondern den Hochmut und die Eitelkeit in Egozentrik, die in der Vereinigung mit dem Bewu\u00dftsein der Einsamkeit die Qual erzeugen. M\u00e4nner hingegen erschaffen mit ihrem entwurzelten, freien Geist Welten, weil sie in der gegebenen keinen Platz, keinen Hort f\u00fcr sich finden, wo sie zur Ruhe kommen k\u00f6nnten, Doch wer kann einsamer sein, als ein sterblicher Gott im Be1m\u00dftsein seiner Sterblichkeit? Der Mann erschafft die Welt neu, er definiert und erkl\u00e4rt, beschreibt und analysiert, selektiert und vernichtet und ist als Sch\u00f6pfer der entfernteste Bestandteil seiner Welt, weil es nichts gibt, was ihm ebenb\u00fcrtig w\u00e4re,<\/p>\n<p>Kunst im humanistisch, individualistisch abendl\u00e4ndischen Verst\u00e4ndnis ist in ihrem Kern eine Ausgeburt der Selbstherrlichkeit des Menschen, \u00dcberheblichkeit nicht \u00fcber einen abstrakten Gott, sondern \u00fcber das Mysterium der Erde, des Seienden, der Natur, der Sch\u00f6pfung, des Mysteriums in Tod und Geburt, in Ich und Du. Kunst ist die eigentliche Unf\u00e4higkeit SEIEN lassen zu k\u00f6nnen. Frauen sind da begabter, ihr Zugang zum Leben zwischen Geburt und Tod liegt in ihrem Inneren, ihr Element ist das erdige Leben. Kann ein Mensch Leben, so braucht er der Kunst nicht. Er kann sich der Kunst bedienen, sich an ihr erfreuen. aber sie wird nicht den verzweifelten Tiefgang derer haben, die &#8220;nicht nicht schreiben k\u00f6nnen&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein junger Mitarbeiter Ljoschas mit brennender Seele beschrieb Georgien als zu 90% aus asiatischer (Un-) Kultur bestehend und nur zu 10% der westlichen Kultur verbunden. Er sagte, da\u00df das westliche (deutsche) Kultur- und Wirtschaftsmodell zwar sicherlich nicht perfekt sei, aber das funktionsf\u00e4higste und beste, was der Mensch sich bisher erdacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wie auch schon bei dem Gespr\u00e4ch mit Maja wurde deutlich, wie wenig sich die von westlicher und russischer Vorstellung beeinflu\u00dften jungen Menschen mit der georgischen Gegenwartskultur verbunden f\u00fchlen. Seit Gamsachurdia, unter dem eine regelrechte Hatz auf den weltoffenen Teil der georgischen Intelligenzija einsetzte, weil diese sich gegen seine abschottende Nationalstaatsparanoia wandte. Finden sie keine Nischen mehr, um sich heimisch zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Bietet eine Kultur den in ihr lebenden Menschen keine Heimat, kein sicheres Selbstverst\u00e4ndnis mehr, \u00e4ndert sie sich ganz automatisch, und diese Ver\u00e4nderung ist dann auch nat\u00fcrlich und nicht wehm\u00fctig oder ethnonostalgisch zu beweinen: Die Kultur ist f\u00fcr die Menschen da, Menschen sind die Kultur. Waffenwahn und M\u00e4nnlichkeitskult waren seiner Meinung nach absto\u00dfende asiatische Merkmale.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-10-dezember-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Tengis\/Maja eine Ienesa kennengelernt, die als Journalistin bei WTSCHERNY TBILISI arbeitet. Mit ihr und einem weiteren Mitarbeiter namens Ljoscha in der Pr\u00e4miere des &#8220;Kirschgartens&#8221; von Tschechow gewesen. Die Auff\u00fchrung \u00fcber in ihren verlorenen Paradiesen gefangene versp\u00e4tete Aristokratie, war sehr schwach. 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