{"id":1169,"date":"2018-03-09T09:26:30","date_gmt":"2018-03-09T08:26:30","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1169"},"modified":"2019-03-16T14:15:43","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:43","slug":"tbilisi-27-november-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-27-november-1992\/","title":{"rendered":"Tbilisi, 27. November 1992: Niko, Not\u00e4rzte und Religion"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend war Nico (einzig zu dem ich die M\u00f6glichkeit einer herzlichen Verbindung sp\u00fcre), seine pubertierende Schwester und seine Mutter, gestandene \u00c4rztin mit rauer Seele aus der Sowjetzeit da. Sie arbeitet seit 20 Jahren bei der CKORAJA POMOSCHTSCH. Ich kenne das aus Petersburg, wo die &#8220;Balde Hilfe&#8221; ihrem Namen auch alle Ehre macht, als Privattaxie durch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen fahrend. Aber die fahren wenigstens noch. Hier gibt es f\u00fcr \u00f6ffentliche Fahrzeuge, mit Ausnahme der Milit\u00e4rverkehrsmittel, keinen Tropfen Benzin. So staut sich der M\u00fcll in den neueren Bauten (wie in dem meinigen) den M\u00fcllschlucker hinauf bis in die obersten Stockwerke. Zum Gl\u00fcck ist&#8217;s jetzt Winter und da die H\u00e4user nicht beheizt werden, habe ich bisher noch keine Ratten gesehen. Bei den H\u00e4usern ohne Rattenkurorte liegt der M\u00fcll so drumherum, in den H\u00f6fen oder an der Stra\u00dfe. Es stinkt trotzdem nirgends. Es f\u00e4llt auch auf, da\u00df man hier in Georgien sehr selbstdiszipliniert mit dieser f\u00fcr die Menschen v\u00f6llig neuen Situation umgeht. Und wenn mal jemand in den auseinanderberstenden Trolleybussen austickt, weil er schon die dritte Station verpa\u00dft hat, sich nicht aus dem Menschenbrei winden k\u00f6nnend, ist es unter Garantie ein Russe. Die Georgier haben nicht so viel gegen \u00f6ffentlichen K\u00f6rperkontakt.<\/p>\n<p>Die Not\u00e4rzte sind angewiesen, zu Notf\u00e4llen im Umkreis von 2km zu Fu\u00df zu eilen. Meine Annahme, da\u00df die Notf\u00e4lle au\u00dferhalb dieser sportlichen Bannmeile mit dem Auto versorgt werden, wurde mild bel\u00e4chelt. Diese ungl\u00fccklichen Opfer von Autounf\u00e4llen, Messerstechrein oder auf der Stra\u00dfe gekauften K\u00e4ses m\u00fcssen selbst sehen, wie sie zur Station kommen. Die Mehrzahl der Eins\u00e4tze betrifft aber die R\u00fccktransporte der Verletzten aus Abchasien. Diese werden mit dem Hubschrauber zum Tbilisier Flughafen geflogen, dort not\u00e4rztlich versorgt und dann weiter ins Krankenhaus gebracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Fee sprach ich jetzt \u00f6fters, zum einen, weil Awdij nun tats\u00e4chlich in die Psychiatrische Klinik Spandau eingeliefert wurde, dort zun\u00e4chst, als er bei der Forderung sich auszuziehen wild geworden war, auf ein Bett gefesselt wurde, einen Platz bisher nur auf dem Flur hat; zum anderen, weil sich meine Seele in ihrer Fremdheit hier, sehr konkret nach Alexandra sehnt, und ihre Stimme mitunter schon eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Ich f\u00fcrchte mich davor, mich auch einmal einem Menschen so aufzuwuchten wie Awdij. Und im Grunde ist die Quelle unserer Angst die gleiche nicht personengebundene Wahrheit im Menschsein: Einsamkeit und Tod. Ich und woanders, da drau\u00dfen, Du. Nur gehen wir unterschiedlich damit tun.<\/p>\n<p>Saschas Seele ist noch einsamer als die meine, vielleicht weil sie sensibler ist, vielleicht weil er nie einen anderen Menschen als ebenb\u00fcrtig erlebt hat, weil er nie geliebt hat. Auch in seinen Gef\u00fchlen zu Alexandra, in seinem erkl\u00e4rten Leid f\u00fcr ihn aus meinem permanenten Betrug an ihr, war und ist ihr Wohlsein ihm v\u00f6llig egal. Mehr noch, es ist sogar nicht erw\u00fcnscht, denn in seiner Welt soll sie ja unter mir leiden. Das ist vielleicht das Kainsmal der Gro\u00dfinquisitoren, die sich ihre Welt selber erbaut haben und als sterbliche Erschaffer der Welt keinen Zugang mehr haben zu den Wesen in dieser Welt, keine ebenb\u00fcrtige Beziehung zu ihnen mehr finden k\u00f6nnen. In Hochmut und Eitelkeit furchtsam und einsam leiden und verh\u00e4rmen. Und in diesem Kainszeichen unterscheiden sie sich von denen, denen eine Welt geschenkt wurde, eingegeben in ein zum Nehmen bereites dem\u00fctiges Bewu\u00dftsein.<\/p>\n<p>Das, was Sascha so eigentlich unreligi\u00f6s macht, ist es, da\u00df ihm jegliche Demut abgeht, da\u00df er selbst das angreifbare, eitle Zentrum der Welt ist. Solange ich ihn kannte, wu\u00dfte er darum. Sein Wille zu leben, seine F\u00e4higkeit zu staunen ist abgenutzter als der Meine &#8211; er nannte mich immer eine junge Seele im Gegensatz zu der seinen. Kein Wunder, da\u00df er zusammenbricht.<\/p>\n<p>Jesus und der Gro\u00dfinquisitor: Beide behaupten, die Menschen zu lieben. Und obwohl die Argumentation des Gro\u00dfinquisitors unangreifbar ist, verweilt man in seinem Weltbild (das dem der Mehrzahl der modernen Menschen entspricht), \u00fcberhaupt: verweilt man in der Annahme, die Welt in Bildern des Verstandes fassen zu k\u00f6nnen, liebt nur Jesus, weil er dem einzelnen Menschen sein Mysterium nicht raubt, ihm seine Freiheit l\u00e4\u00dft, neben ihnen leidet, selbst stirbt, selbst Angst hat. Liebe ist die F\u00e4higkeit beieinander zu sein und einander sein zu lassen.<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-1-dezember-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend war Nico (einzig zu dem ich die M\u00f6glichkeit einer herzlichen Verbindung sp\u00fcre), seine pubertierende Schwester und seine Mutter, gestandene \u00c4rztin mit rauer Seele aus der Sowjetzeit da. Sie arbeitet seit 20 Jahren bei der CKORAJA POMOSCHTSCH. Ich kenne das aus Petersburg, wo die &#8220;Balde Hilfe&#8221; ihrem Namen auch alle Ehre macht, als Privattaxie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-27-november-1992\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Tbilisi, 27. November 1992: Niko, Not\u00e4rzte und Religion&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1176,"parent":1077,"menu_order":17,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1169","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1169"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1929,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1169\/revisions\/1929"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1077"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1176"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}