{"id":1152,"date":"2018-03-08T22:07:23","date_gmt":"2018-03-08T21:07:23","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1152"},"modified":"2019-03-16T14:15:43","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:43","slug":"25-november-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/25-november-1992\/","title":{"rendered":"Tbilisi, 25. November 1992: Verzagen"},"content":{"rendered":"<p>Das Password zu meinem Computer ist &#8220;Trau&#8221;. Eigentlich sollte es &#8220;Traun&#8221; sein, er nimmt aber leider nur vier Buchstaben an. Traun ist mein Lieblingsname, weil er mich an so sch\u00f6ne Dinge wie Zutrauen, Vertrauen, trau Dich! erinnert. Nichts dergleichen ist bei mir! Alle Festigkeit in mir weicht mehr und mehr der Angst, in einem Ausma\u00df, da\u00df ich seit meiner Kindheit nicht mehr kenne. Das &#8220;Komische Gef\u00fchl&#8221; brennt in mir, es schn\u00fcrt mir, von einer Todesahnung zur n\u00e4chsten hetzend, die Brust von Innen her zu.<\/p>\n<p>Ein paar Tage ging es mir gut, ich kam mit meiner Arbeit vorran und kleisterte die alten Abgr\u00fcnde, die sich wieder ge\u00f6ffnet hatten, zu, mit der Organisation eines vielversprechenden Alltags. Vor zwei Tagen dann, vertilgte ich abends Reis und auf der Stra\u00dfe erstandenen K\u00e4se (den ich vers\u00e4umte zu waschen) und arbeitete die Nacht durch. Ich wachte dann fr\u00fch morgens auf, mit einem geh\u00f6rigen Fieberanfall Dieser wurde so stark, da\u00df er mir die Sinne raubte und ich mich letzten Endes kaum noch auf die Toilette schleppen konnte, um meinem heftigen Durchfall abzulassen. Ich bekam dann doch noch em fiebersenkendes Mittel zu fassen, mit dessen Hilfe es mir bald besser ging.<\/p>\n<p>Seit dem habe ich heftigen Durchfall und andauerndes Schw\u00e4chegef\u00fchl. Ich kann mich auf nichts konzentrieren und bin von erstaunlichen Beklemmungen befallen. Au\u00dferdem jagt mich diese unfa\u00dfbare Todesangst, einhergehend mit ihren h\u00e4\u00dflichen Kindern: Der Rastlosigkeit, der Kraftlosigkeit, dem verzagenden Blick in die Zukunft und von Nostalgie verkl\u00e4rten Blick zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bei allem was ich tue, bin ich immer peinlichst darauf bedacht, mich nicht festzulegen, keine konkrete Richtung einzuschlagen, f\u00fcr mich infrage kommende M\u00f6glichkeiten aufzusp\u00fcren, um sie dann liegen zu lassen und neue zu suchen, kurz: die Pr\u00e4ferenzen der Jugend nicht zu passieren, um so die Jugend selbst zu erhalten. Aber ich werde \u00e4lter. Und Pr\u00e4ferenz der Jugend ist es, w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen &#8211; aber das beinhaltet die Tat der Auswahl! Man kann die Jugendliebe nur in der Jugend erleben; versagt man sie sich dann, verpa\u00dft man damit f\u00fcr immer dieses Erlebnis. Im Versagen von Leben erh\u00e4lt man sich keine Auswahl, man kann M\u00f6glichkeiten nicht ansammeln, man verpa\u00dft nur. H\u00e4ngt man dann den Rest seiner Tage diesem verpa\u00dften Leben nach, gehen auch die Fr\u00fcchte des gegenw\u00e4rtigen Lebens an einem vorbei. Deshalb hasse ich meinen Hang zur Nostalgie so. Aber ich kann mich, bin ich geschw\u00e4cht, dagegen kaum wehren. Die V\u00e4ter meiner Angst, Todesbewu\u00dftsein und Bewu\u00dftsein meiner Einsamkeit, sind so alt, so urspr\u00fcnglich in meinem Selbst verankert, da\u00df ich sie, werde ich in meinem Alleine Sein zum unbescheidenen Zentrum der Welt, nicht mehr verdr\u00e4ngen kann. Die V\u00e4ter der Angst prallen dann auf Hochmut und Eitelkeit und erzeugen das, was ich als Kind hilflos &#8220;Komisches Gef\u00fchl genannt habe&#8221;. Ich bin genauso hilflos wie damals, nur au\u00dfen etwas zivilisierter; innen schreit es wie gehabt nach der R\u00fcckkehr in die Mutter.<\/p>\n<p>Es ist schon so richtig Winter geworden. Nachts f\u00e4llt Schnee, der auf den umliegenden H\u00fcgeln auch tags\u00fcber liegenbleibt. Au\u00dferdem weht ein Sturmwind, da\u00df man meint, das Haus bek\u00e4me Fl\u00fcgel. Diese Annahme wird best\u00e4rkt von der Tatsache, da\u00df Gevatter Wind direkt in meine Wohnung bl\u00e4st. Die allerorts anzutreffenden Ritzen bieten Einla\u00df. Ob ich die Erk\u00e4ltung, die ich habe, jemals wieder loswerde, wei\u00df ich auch noch nicht. Angenehm ist hingegen der Geruch des Winters. Trete ich auf den Balkon hinaus, schmeckt die Luft so frisch, wie kaltes Quellwasser. Vor wenigen Tagen hatten wir hier noch Smog und warmes Herbstwetter. Zum Gl\u00fcck ist Benzin so teuer: Gab es sonst die h\u00f6chste Autozahl pro Einwohner in Tbilisi, fahren jetzt nur noch wenige Pester durch die Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Eben hatte mir noch Prof. Wachtangi (Ethn.) einen gest\u00f6rten Hobbieethnologen ins Haus geschickt (warscheinlich, um ihn sich selbst vom Hals zu schaffen). Er kam rein und entschuldigte sich die ersten f\u00fcnf Minuten aus Gr\u00fcnden, die mir nicht deutlich wurden, weil wir uns ja telephonisch verabredet hatten. Danach z\u00e4hlte er in einem Fort, ohne Unterla\u00df, s\u00e4mtliche V\u00f6lker auf, die er kannte. Er behauptete von sich alle V\u00f6lker dieser Erde zu kennen und zu studieren. Gelernt hat er Judo.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df schmi\u00df ich ihn dann raus, als er mir bei dem Versuch seinen Monolog auf meine Themen zu lenken, immer noch nur weiter belesenen Unsinn erz\u00e4hlte. In der T\u00fcr fragte er mich noch, ob ich denn nicht wenigstens den Eindruck gewonnen h\u00e4tte, da\u00df er kein Idiot sei? &#8230;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-27-november-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Password zu meinem Computer ist &#8220;Trau&#8221;. Eigentlich sollte es &#8220;Traun&#8221; sein, er nimmt aber leider nur vier Buchstaben an. Traun ist mein Lieblingsname, weil er mich an so sch\u00f6ne Dinge wie Zutrauen, Vertrauen, trau Dich! erinnert. Nichts dergleichen ist bei mir! 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