{"id":1124,"date":"2018-03-08T16:48:58","date_gmt":"2018-03-08T15:48:58","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1124"},"modified":"2019-03-16T14:15:43","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:43","slug":"7-november-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/7-november-1992\/","title":{"rendered":"Tbilissi, 7. November 1992: Kher-Modells"},"content":{"rendered":"<p>Heute viel gelernt:<\/p>\n<p>&#8211; Es gibt also auch in Tbilissi Menschen, die sich f\u00fcr Modellagenten halten. Als ich etwas gedankenverloren nach einem Konzert in der Philharmonie, in das ich in der f\u00e4lschlichen Annahme gestiefelt war, da\u00df dort Mozart und Beethoven auftreten sollten, und das ich, nachdem ein fetter georgischer Roy Black seinen mi\u00dflungenden Playback-Auftritt begonnen hatte (er gab sogar bestellten Blumenkindern K\u00fc\u00dfchen, w\u00e4hrend seine Stimme vom Band gnadenlos weilerpl\u00e4rrte), durch die sich dr\u00e4ngende Schar der Zusp\u00e4tgekommenen wieder verlassen hafte, in einem Kaffee sa\u00df, sprachen mich zwei adrett angezogene Herren in ihren Zwanzigern an. Ich war mit Leder und Shitkickern ramponiert (und deshalb auch schon in der Konzerthalle von Teenies aufs unsch\u00f6nste geh\u00e4nselt worden), trug au\u00dferdem einen neuerlich zurechtgeschnitzten Bart und dachte gerade entsprechend wenig an meine Sch\u00f6nheit. Der Chef der Agentur ohne Office, im hellen Trenchcoat hielt es dann aber doch f\u00fcr richtig, mir Komplimente betreffs meines photogenen \u00c4u\u00dferen zu machen. Er hatte seine Hausaufgaben wirklich gemacht und bewies mir sp\u00e4ter dann nicht nur an mir seinen hinl\u00e4nglichen Geschmack und scharfen Blick. Au\u00dferdem kennt er sich im Modesumpf recht gut (theoretisch) aus und verfolgt sein Ziel mit Ernsthaftigkeit und nerviger Selbsldarstellung (er hat noch nicht ganz die goldene Mitte raus, zwischen Duckbed\u00fcrfnis vorm g\u00fcldenen Westmodell und dem &#8220;Hey, baby, ich k\u00f6nnt&#8217; Dich ja &#8216;mal casten&#8221; Gequatsche). Seine Familie, bei der er wohnt, ist ganz nett: Der Vater \u00fcberzeugter Kommunist, der Bruder religi\u00f6ser Physiker. Lustig war&#8217;s, wie der Bruder mir von links andauernd Fragen stellte, wie &#8220;Glaubst du an Gott?&#8221; und mir Tengis w\u00e4hrenddessen st\u00e4ndig irgendwelche bescheuerten Photos von halbnackten M\u00e4dchen zeigte, die sich ungeb\u00fchrlich in die Kamera r\u00e4kelten.<\/p>\n<p>&#8211; Nett war auch meine erste Stunde in Sachen Georgisch. Die Lehrerin ist mir sympathisch und meint, da\u00df junge Leute ihr Sexualleben doch vor der Ehe entdecken m\u00fc\u00dften. Au\u00dferdem verschweigt sie es ihrem Gatten seit 20 Jahren, da\u00df sie raucht.<\/p>\n<p>&#8211; Weiter, da\u00df nach einer alten georgischen Chronik das Gewand Jesu in Georgien unter die Erde gebracht worden sein: Zwei georgische Juden (die schon seit Babylon eine Kolonie in Georgien haben sollen), auf der Suche nach Jesus, kamen zu sp\u00e4t und fanden ihn schon ans Kreuz geschlagen. Dort w\u00fcrfelten gerade die Soldaten um das Gewand Jesu. Sie kauften es fix und sahen zu, da\u00df sie nach Hause kamen. Dort h\u00f6rte der (heidnische) Zar von ihnen und lud sie an seinen Hof, n\u00e4her \u00fcber die Geschehnisse in Pal\u00e4stina informiert zu werden. Am Hofe des Zaren zog dann irgendeine Schnepfe (ich glaube, die Schwester eines der beiden Juden &#8211; und das kann nach georgischer Nomenklatur eine x-beliebige Person sein) das Gewand an und starb auf der Stelle an der gro\u00dfen Liebe, die von ihm (Jesus, respektive dem Gewand) ausging. Der Zar wollte dieses wundersame Kleidungsst\u00fcck dann an sich nehmen, doch vermochte es keiner aus der festen Umklammerung des M\u00e4dchens zu l\u00f6sen. Ergo wurde sie mitsamt Reliquie beerdigt, denn, wie Sorbas sagt, nach wenigen Tagen verpestet man den Mitmenschen die Umgebung, so da\u00df sie gen\u00f6tigt sind, einen ein paar Meter tiefer zu legen.<\/p>\n<p>Dies geschah im ersten Jhd. nach Christie und begeisterte den Zaren allerdings noch nicht so sehr, dem christlichen Glauben beizutreten. Gl\u00fcck f\u00fcr die Heilige Nino. Die durfte sich dann n\u00e4mlich auf Gehei\u00df der Mutter Maria zwei Jhd&#8217;s sp\u00e4ter mit einem von selbiger Mutter gestifteten Kreuz aus Weinstock (zusammengebunden allerdings mit den Haaren der Nino und heute noch zu sehen in einer tbilissier Kirche) auf den Weg machen, das Grab der zu Tode geliebten Tuchtr\u00e4gerin, auf dem ein m\u00e4chtiger Baum wachsen soll, zu suchen. Auch Gl\u00fcck f\u00fcr die Georgier: Auf ihrem Weg vollbrachte die Nino n\u00e4mlich viele Wunderdinge, zerst\u00f6rte durch Gebete einen riesigen G\u00f6tzen in Mzeta, \u00fcberzeugte so den Zaren von den Vorteilen des Christentums und holte Georgien somit in den Scho\u00df des Orbis Christi.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ansonsten ist da noch von Nigel zu berichten, einem englischen Physiker, der einer Einladung des Physikalischen Institutes hier gefolgt ist und den ich w\u00e4hrend meiner drei\u00dfigst\u00fcndigen Warterei auf dem Frankfurter Flughafen kennen gelernt habe. Wir besuchten zusammen Janne, ergingen uns im Jugendstil, unterhielten uns anregend und unterhaltsam \u00fcber Belangloses und freuen uns unseres Lebens, wenn wir uns sehen. Als strikter Vegetarier hat er gro\u00dfes Gl\u00fcck gerade jetzt in Tbilissi zu sein, da Fleisch tats\u00e4chlich Defizit ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jede Zeit an jedem Ort baucht wohl ihren Geist hinein in die Menschen, die diese Zeit als ihre Jugend erleben.<\/p>\n<p>Und dieser Geist scheint in Raum und Zeit immer ein anderer zu sein, auch wenn die Erinnerung an ihn die immer gleiche Schwermut erzeugt. Der sowjet-russische Geist der 80 &#8216;er Jahre war wohl so ein ganz besonderer. Ich habe heute Photos bei Niko gesehen, aus der Zeit, in der Dato und Inna zusammen studierten. Eine Zeit, in der die Vorz\u00fcge dieser Welt Sowjetunion mit ihren Landschaften und V\u00f6lkern als in Reisefreiheit, der Unabh\u00e4ngigkeit vom Geld, dem Schl\u00fcssel der russischen Sprache noch voll ausgesch\u00f6pft werden konnte, in der die Nachteile aber scholl anfingen aufzubrechen, Protest m\u00f6glich wurde, ohne ihn zur Lebensaufgabe selbst zu machen.<\/p>\n<p>Die Menschen auf den Photos waren sch\u00f6n und ausgelassen und voller Hoffnung und Zuversicht. Sie kamen aus den verschiedensten Kulturen und f\u00fchlten sich doch zusammengeh\u00f6rig.<a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/InnaMishaKnizhnaMaya-berg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1127\" src=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/InnaMishaKnizhnaMaya-berg.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"648\" srcset=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/InnaMishaKnizhnaMaya-berg.jpg 1000w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/InnaMishaKnizhnaMaya-berg-300x194.jpg 300w, http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/InnaMishaKnizhnaMaya-berg-768x498.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>All das ist jetzt f\u00fcr immer vorbei &#8211; nicht nur weil die Jugend dahin ist &#8211; und nimmt Gestalt an in den immer traurigen Augen Innas oder im grimmigen Fluchen Datos. Ich kann sie nur zu gut verstehen. Das 21 &#8216;te Jhd. wird dem 20&#8217;ten nichts schuldig bleiben in Sachen Blut. Ich f\u00fcrchte, es wird sogar noch v\u00f6lkerfressender als das derzeitige. Man verliert die Lust, sich zu sehr in das Gro\u00dfartige seines Blickfeldes zu verlieben -nur die kleinen Augenblicke versprechen eine gewisse Kontinuit\u00e4t. Ich f\u00fcrchte den &#8220;Vater der Soldaten&#8221; und ich sp\u00fcre ihn n\u00e4her treten. Wie jung war die Welt noch, als dieses Jahrhundert begann &#8211; und wie ist sie gealtert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst merkte ich, da\u00df kein Gott bei mir ist &#8211; und wollte selbst ein Gott sein. Und nur langsam d\u00e4mmert es mir, da\u00df ich wie alle die, die ich als Kontra\u00dftmittel in meine Gottdefinition einbaute, mit dem Gesicht im Dreck auf der Erde liege, und mir beim Versuch gewaltsam von ihr hochzukommen, die Ged\u00e4rme rausgerissen habe. Und trotzdem versuche ich es weiter!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/tbilisi-14-november-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute viel gelernt: &#8211; Es gibt also auch in Tbilissi Menschen, die sich f\u00fcr Modellagenten halten. Als ich etwas gedankenverloren nach einem Konzert in der Philharmonie, in das ich in der f\u00e4lschlichen Annahme gestiefelt war, da\u00df dort Mozart und Beethoven auftreten sollten, und das ich, nachdem ein fetter georgischer Roy Black seinen mi\u00dflungenden Playback-Auftritt begonnen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/georgien-1992-93\/7-november-1992\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Tbilissi, 7. 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