{"id":1042,"date":"2018-03-02T10:36:21","date_gmt":"2018-03-02T09:36:21","guid":{"rendered":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/?page_id=1042"},"modified":"2019-03-16T14:15:42","modified_gmt":"2019-03-16T13:15:42","slug":"petersburg-27-06-1992","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-27-06-1992\/","title":{"rendered":"Petersburg, 27.06.1992: Kultur &#038; Staat"},"content":{"rendered":"<p>Mir scheint es wichtig, zu bedenken, da\u00df es neben dem Nationalstaat eine Vielzahl von anderen Organisationsformen von Kulturen gibt. Kulturbewu\u00dftsein selbst ergibt sich, sieht man von ideologisch- abstrakten Vorstellungen ab, aus dem Gef\u00fchl der Verbundenheit durch Sprache, Volkstum und mit letzterem verbunden, Religion. Au\u00dferdem das Interesse, die wirtschaftliche Umwelt gemeinsam so zu gestalten, da\u00df die Kultur erhalten wird und M\u00f6glichkeit zur Weiterentwicklung hat. In Kulturen, in denen sich ein b\u00fcrgerlich-individuelles Selbstbewu\u00dftsein herausgebildet hat, ist die wirtschaftliche Entfaltungsm\u00f6glichkeit des Individuums zum entscheidendem Faktor des Kulturbewu\u00dftseins geworden und grenzt dieses eher ein, als Religion, Volkstum und Sprache (D\u00e4nemark machte da k\u00fcrzlich eine ganz erfrischende Ausnahme, aber ansieh ist ein &#8220;Vereintes Europa&#8221; f\u00fcr diese b\u00fcrgerlichen Kulturen nur ein konsequenter Schritt). In diesen Kulturen gibt es zwar mitunter einen sehr ausgepr\u00e4gten Nationalismus, ein Nationalbewu\u00dftsein, da\u00df sich aus kulturellem Selbstbewu\u00dftsein ableitet, kann es aber nicht geben, weil die Grenzen der Nation nicht einmal mehr ann\u00e4hernd die Grenzen der (Wirtschafts-) Kultur beschreiben. Die Amerikanisierung Europas ist daf\u00fcr ein leuchtendes Beispiel, die rapide &#8220;Westernisierung&#8221; in Ru\u00dfland ein anderes.<\/p>\n<p>Kulturen, die noch st\u00e4rkere Bindungen zu nicht-materiellen Werten in ihrem Selbstbewu\u00dftsein haben (oder hatten) werden, sind sie von keiner strategischen Bedeutung f\u00fcr die Industriekultur, als Land der dritten Welt betrachtet und behandelt. Haben sie strategische Bedeutung, werden sie durch wirtschaftliche, politische und letzten Endes auch milit\u00e4rische Aktionen zwangswesternisiert. Das passierte mit Japan nach dem zweiten Weltkrieg, mit S\u00fcdafrika in den letzten Jahrzehnten, mit Ru\u00dfland im Kalten Krieg. L\u00e4nder wie Georgien, in denen jetzt auch auf Kosten der Minderheiten von einer Kongruenz zwischen nationaler Grenze und kultureller Grenze getr\u00e4umt wird (Nationalstaat im Sinne Humboldts, wie Paata sagte?), interessieren die Industriekultur nicht in einem handlungsanweisendem Ma\u00dfe. Ru\u00dfland selbst kann nicht in dem Ma\u00dfe indifferent sein, wie gew\u00fcnscht, denn die kulturellen Minderheiten, die von diesen Nationalstaatsexpirimenten betroffen sind, wenden sich an den alten Gro\u00dfen Bruder, weil f\u00fcr sie kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit in einer F\u00f6deration mit einer starken Nation realistischer ist, als nationale Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Mir scheint, vor allem aus pragmatischen Gr\u00fcnden, der Nationalstaat ein veraltetes und unzureichendes Modell f\u00fcr die Selbstorganisation von Kulturen zu sein. Sowohl im Falle der Industriekulturen, sowie bei traditionsverbundenen Kulturen. F\u00f6derationen und Konf\u00f6derationen erscheinen da weitaus n\u00fctzlicher.<\/p>\n<p>Es scheint in der alten Sowjetunion aller Unkultur und dem Traum vom &#8220;Sowjetmensch&#8221; zum Trotz tats\u00e4chlich viele Nischen gegeben zu haben, in denen sich kulturelle Eigenheiten bewahrt haben. So erz\u00e4hlte Inna z.B. folgende Geschichte, die sie bei den Tschuktschen in der n\u00f6rdlichen Taiga erlebte: Sie war zusammen mit einer tschuktschischen Geologin zwecks Vermessung eines Flu\u00dfabschnitts tief in die Wildnis vorgedrungen, als diese pl\u00f6tzlich, ganz bei l\u00e4ufig bemerkte, da\u00df sie eben bei einem alten Freund vorbeischauen wolle, um diesem seine Lieblingszigaretten zu bringen. Inna war nicht wenig erstaunt, denn sie befanden sich an die hundert Kilometer entfernt von jeder Siedlung, sagte aber nichts. Nach kurzem Gang weg vom Flu\u00df kamen sie hinaus auf eine kleine Lichtung. Dort legte Innas Begleiterin, ebenfalls ohne jede Pr\u00e4tensionen oder Erkl\u00e4rungen, die Zigaretten auf einen Felsen und ging zum Flu\u00df zur\u00fcck, an die Arbeit. Sp\u00e4ter erfuhr Inna dann, da\u00df dort sie Seele eines Verwandten wohne, der schon vor langer Zeit gestorben war. Die Tschuktschen haben zum k\u00f6rperlichen Tod aber ein v\u00f6llig ungezwungendes Verh\u00e4ltnis und betrachten den &#8220;Geist&#8221; des Freundes\/Verwandten als nicht weniger anwesend, als die k\u00f6rperlichen Manifestationen.<\/p>\n<p>Das Hauptopfer an das Ideal &#8220;Sowjetmensch&#8221; hat nach Ansicht Tatjanas sowieso das russische Volk gebracht. Obwohl ich erst heftig dagegen anging (alte West-Ignoranz: Sowjetunion=Ru\u00dfland), waren ihre Argumente ganz einleuchtend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ansonsten meldete mir Inna ganz wohltuend zur\u00fcck, da\u00df ich mich in der Gesellschaft anderer nicht anders verhielte, als in eins zu eins Situationen. NOVOSTI. Sie meinte, ich sei der Authentischste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lisa stellt sich jetzt \u00f6fter ein und l\u00e4\u00dft ihren wirklich sch\u00f6nen K\u00f6rper von mir abtasten. Sie hat zu fr\u00fch zu viel an die falschen Leute gegeben und sehnt sich jetzt nach Jungfr\u00e4ulichkeit, die ich ihr in meinem Respekt vor ihr suggeriere. Traurig, sie so verloren zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211;&gt; <a href=\"http:\/\/jkoehler.diskstation.me\/wordpress\/diaries\/tagebuch-leningrad-st-petersburg-tbilisi-1991-1993\/leningrad-zweiter-anlauf\/petersburg-04-08-1992\/\">next page<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir scheint es wichtig, zu bedenken, da\u00df es neben dem Nationalstaat eine Vielzahl von anderen Organisationsformen von Kulturen gibt. Kulturbewu\u00dftsein selbst ergibt sich, sieht man von ideologisch- abstrakten Vorstellungen ab, aus dem Gef\u00fchl der Verbundenheit durch Sprache, Volkstum und mit letzterem verbunden, Religion. 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